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Aktuelles

Projektantrag Steinlachtal

Im August dieses Jahres ist ein interdisziplinärer Projektantrag zur Adelsentstehung in der Region bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingereicht worden. Der Antrag trägt den Titel "Die Genese adeliger Herrschaften des Hochmittelaters im Fokus interdisziplinärer Raumanalyse. Siedlungs- und Herrschaftsgeschichte eines Kleinraums am Rande der Schwäbischen Alb". Die Projektmitarbeiter (Christian Kübler, Joachim Jehn u. David Kirschenheuter) kommen aus den Reihen der Archäologie, der Geschichtlichen Landeskunde, der Landschaftsarchäologie und Geoinformatik. Das geplante Projekt, das in der Antragsphase mit Mitteln der Gemeinde Nehren unterstützt wurde, wurde zuletzt im im Rahmen der Tagung "Aktuelle Forschungen zu Burg und Adel" am Fr, 27. Oktober 2017 im Vortrag vorgestellt (Alte Aula, Tübingen).

Gammertingen, St. Michael

Am 9. Oktober 2017 wurde in der Michaelskapelle in Gammertingen die Gesamtpublikation der zwischen 2010 und 2012 erstellten Auswertung der Altgrabungen von 1981ff. präsentiert. Das Buch mit Beiträgen von Philipp v. Grumbkow, Susanne Hummel, Lisette M. Kootker, Janine Mazanec, Tilmann Marstaller, Katja Thode erscheint als vierter Band in der Reihe "Forschungen und Berichte zur Archäologie in Baden-Württemberg". Als erste Arbeit der Reihe ist der Publikation auch eine dauerhafte Präsentation von Dokumentations- und Auswertungsdaten zugeordnet: http://dx.doi.org/10.11588/data/MHGXU6.

Gammertingen, Hohenzollernstraße 5-7

Seit Juli 2015 läuft die Auswertung der von mir im Auftrag des damaligen Referats Denkmalpflege am RP Tübingen durchgeführten Ausgrabungen, die 2012 und 2013 auf dem Gammertinger Schlossplatz stattfanden. Nach dem vorläufigen Auswertungsstand lassen sich eine Reihe von Besiedlungsphasen rekonstruieren, die zum Teil durch erhebliche Brüche voneinander unterschieden sind. Auch am Schlossplatz beginnt die Besiedlung in vorgeschichtlicher Zeit, römische Funde sind an dieser Stelle nicht nachzuweisen. Die Besiedlung bezieht sich dabei von Anfang an auf eine ehemalige "Lauchertinsel", welche etwa das nordöstliche Drittel des mittelalterlichen Stadtgebietes einnimmt und sich darüber hinaus weiter nach Südosten fortgesetzt haben kann. Sie wird begrenzt vom heutigen Flussbett und einem während der Jungsteinzeit weiter südwestlich verlaufenden Flussbett, das seit der Bronzezeit allmählich verlandete. Der mittelalterliche Fundniederschlag beginnt um die Jahrtausendwende, wobei es sich aber um Streufunde von nordwestlich liegenden Siedlungsbereichen handeln dürfte. Spannend ist der Befund eines - nur in zwei Profilen erfassten - flachen, WNW-OSO verlaufenden Gräbchens mit einem (von mehreren?) damit korrespondierenden Staken- oder Pfahllöchern am Südrand. Mit einiger Wahrscheinlichkeit erfassen wir hier die Befestigung der Niederungsburg der Grafen von Gammertingen, welche ab ca. der Jahrtausendwende bis an den heutigen Schlossplatz herangereicht zu haben scheint.
Nach einem Großbrand in der Niederungsburg in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (um 1165/70?, möglicher Zusammenhang mit der "Tübinger Fehde"?) - vermutlich eben jenem Brand, dem auch die "Basilika" der Grafen von Gammertingen (St. Michael) zum Opfer fiel - , scheinen wir die Entfestigung der Niederungsburg und das allmähliche Ausgreifen frühstädtischer Besiedlung nach Südwesten greifen zu können. Die städtische Besiedlung beginnt um 1270/80 mit einem im Südwesten der Grabungsfläche nur randlich erfassten stark fundamentierten, von mir als Rathaus gedeuteten Massivbau an der hier zum Marktplatz geweiteten Hauptstraße. Stadtauswärts Richtung Lauchert stand damals noch ein Pfostenbau - vermutlich als stadtgründungszeitliches Provisorium (Gasthof?) anzusprechen. Es ergeben sich hochspannende historische Modelle für die Gründungssituation - mehr soll hier aber nicht verraten werden.
Der provisorische "Gasthof" wurde erst im 14. Jahrhundert (gegen 1320/30) durch einen langschmalen, vermutlich dreizonigen Anbau an den älteren Massivbau ersetzt. Der an keiner Stelle im Grabungsareal unterkellerte Anbau wies im Erdgeschoss der im Lichten 9 Meter breiten Mittelzone offenbar einen Durchgang zu einem weiteren Straßenzug im Südosten auf. Die nordöstliche Zone des Anbaus stellte als Turm mit drei Massivbaugechossen einen eigenen Baukörper dar, der einerseits (als Teil einer ältesten Stadtbefestigung?) den Stadtabschluss zur Lauchert markierte, andererseits baulich und funktional mit dem "Rathaus" verbunden war. Der Turm wies im EG eine Küche und eine beheizte Kammer (Amtsraum?) auf, darüber nahm ein Saal mit repräsentativem Kachelofen und offenem Kamin wohl die ganze Turmfläche ein. Der nur temporär genutzte Raum könnte als großer Ratssaal und/oder als bürgerlicher Festsaal genutzt worden sein. Im zweiten Obergeschoss wird man wohl Wohnnutzung rekonstruieren können, wobei sich evtl. ein Zusammenhang mit dem "Amtsraum" im EG darstellen lässt.
Vor dem dreizonigen Rathaus-Anbau stand zur gleichen Zeit ein weiteres Gebäude, vermutlich ein Fachwerkbau auf massiven Steinschwellen. Dieser Bau, bei dem es sich um den Nachfolger des provisorischen Gasthofs gehandelt haben könnte, dürfte den damaligen Straßenmarkt auf dessen Nordostseite begrenzt haben. Alle ergrabenen Bauten dieser Phase brannten um das Jahr 1410 herum ab. Der Brand führte zu einer vollständigen Neuordnung des Stadtviertels am Unteren Tor und ist von seiner Größenordnung her als Stadtbrand einzuordnen. Zugehöriger Brandschutt ist noch im nordwestlichen Teil der Schwedengasse nachzuweisen, die möglicherweise erst durch damalige Aufschüttung ins Stadtgebiet mit einbezogen wurde. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Brand, der im Marktprivileg von 1418 erwähnt wurde und der "vor Jahren" die Stadt und Bürger Gammertingens schwer geschädigt hatte und vom König als Grund für die Erweiterung der bisherigen Marktrechte angeführt wurde. Nach dem Brand wurde am Nordostende des alten Marktplatzes erneut ein repräsentativer gegliederter Großbau errichtet - nun allerdings in gänzlich anderer Lage und Orientierung. Das Gebäude war, wie es scheint, nun auf einen neuen Platz bezogen, der sich zwischen ihm und dem unteren Tor aufspannte. Auch wenn die platzzeitlichen Schichten fehlen, lässt sich deren ehemaliges Vorhandensein durch Funde des 15./16. Jahrhunderts aufzeigen, die in späteren Bodeneingriffen aufgearbeitet wurden. Man wird diesen Bau als erstes Stadtschloss am Unteren Tor begreifen können: Offenbar nutzte die Stadtherrschaft (Rechberg? Württemberg?) die nachstadtbrandzeitliche Erweiterung der Stadt Richtung Lauchert für die Neuanlage des herrschaftlichen Wohnbezirks - obwohl das alte "Schloss" bei St. Michael vom Stadtbrand verschont worden war. Insgesamt wurde die Stadtfläche jedoch verkleinert: Im Zusammenhang mit einem Nordwestversatz der Hauptstraße wurde im Südosten der Stadt mindestens ein Straßenzug aufgegeben. Das stadtgründungszeitliche Rathaus wurde am bis heute überlierferten Platz des "Alten Rathauses" neu aufgebaut und beherrschte dort den sich nach Südwesten öffnenden neuen Marktplatz, der durch das schräggestellte Schloss die Form eines Dreiecksmarkts erhielt.
Zum Ende des 16. Jahrhunderts/um 1600 kommt es erneut zur völligen Neukonzeption des Viertels, da das durch die Speth errichtete neue Stadtschloss mitten auf den alten Schlossplatz gesetzt wurde - traufständig zur nordwestlich vorbeiführenden Hauptstraße. Die Front des Vorgängerschlosses dürfte seither von einer Umfassungsmauer nachgezeichnet worden sein, die nun den frühneuzeitlichen Schlossbezirk umgab. Nach heute reflektiert die bogeförmige Straßenführung der Hohenzollernstraße beim Schloss noch ein Stück weit die damaligen Verhältnisse. Unmittelbar nach Bauerrichtung wurde an das Spethsche Stadtschloss ein Wirtschaftsgebäude mit zwei großen Gewölbekellern angebaut, das sich rückwärtig auf die Stadtmauer stützte und das Schloss nur winklig berührte - möglicherweise die herrschaftliche Zehntscheuer. Diese dürfte nach dem Einsturz eines Stücks der Stadtmauer im Jahre 1667 umgebaut worden sein, wobei die Vorderfront zum Hof hin erhalten bleiben konnte.
Im Jahre 1739 - die im heutigen Rathaus integrierten Reste des Baus konnten inzwischen dendrochronologisch datiert werden - wurde der später "Fruchtkasten" genannte südöstliche Schlossflügel errichtet. Beide Gewölbekeller wurden darin integriert - einer der Keller war nun durch eine Wendeltreppe direkt vom Schloss aus zu erreichen. In der Nordostzone des Erdgeschosses wurde die eingewölbte Schlossküche errichtet, welche in Resten im ehemaligen Bürgerbüro im Rathaus baulich überliefert war und die in der älteren Forschung fälschlicherweise als mittelalterliche Kapelle angesprochen wurde. Im Kontext mit dem Bau des neuen Schlossflügels wurde die Stadtmauer im Schlossbereich nieder- und die herrschaftlichen Gärten im Zwingerbereich angelegt. Auf der Hälfte seiner Nordwestfassade war der neue Flügel mit dem Schloss des 16. Jahrhunderts zusammengebaut. Man erkennt unschwer, dass bereits damals der Plan zum Abriss des alten Schlosses und zum Bau eines neuen Nordostflügels an der Lauchert bestand. Es kam nicht zur Realisierung, da Bauherr Marquard Rudolf Anton Speth bereits 1741 in jungen Jahren verstarb. Der Plan wurde daher erst eine Generation später und in veränderter Form 1775-1777 durch den Architekten Michel d'Ixnard in die Tat umgesetzt.
Seine charakteristische Sieben-Arkaden-Fassade sowie die Durchfahrt zum hinteren Hof erhielt der "Fruchtkasten" erst beim Umbau zur Schule im 1862/63: Der Schlosskomplex war nach dem Ende der Speth'schen Ortsherrschaft im frühen 19. Jahrhundert an die öffentliche Hand übergegangen. Eine erneute Umbauphase datiert in die frühen 1950er Jahre, als die Schule - kurz bevor sie zugusten ihres neuen Standorts aufgegeben wurde, noch einmal gründlich renoviert wurde.
Die Ausgrabung ist neben ihrer Relevanz für die Stadt- und Herrschaftsgeschichte Gammertingens hinaus insofern auch übergeordneter Bedeutung, als dass sich jetzt schon deutlich zeigt, dass Gammertingen als Paradebeispiel gegen die Zulässigkeit der Rückschreibung der ersten Planaufnahmen bis ins Mittelalter angeführt werden kann. Die heute ersichtliche Gliederung der kleinen Altstadt ist in bedeutsamen Teilen erst im 15./16. Jahrhundert entstanden. Allein am Schlossplatz liegen zwischen der Stadtgründung und der Urkarte des 19. Jahrhunderts zwei vollständige Neukonzeptionen des umgebenden Stadtviertels.

Mengen, Hauptstraße 115-123

Nach Sondageuntersuchungen im Dezember 2015 und baubegleitenden Untersuchungen nach dem Abriss der Häuser an der Hauptstraße im Juli 2016 fanden vom 5. September bis zum 14. Oktober 2016 archäologische Rettungsgrabungen auf dem ca. 1.400 Quadratmeter großen Areal statt. Bereits die vorläufigen(!) grabungszeitlichen Einschätzungen werfen ein völlig neues Licht auf das südliche Stadtviertel zwischen Wilhelmitenkloster und Meßkircher Tor.
Die Besiedlung des Areals beginnt in vorgeschichtlicher Zeit. Vor allem aus der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends lassen sich zahlreiche Pfostengruben und Siedlungsgräbchen nachweisen. Dabei ist aufgrund des nur selten in originaler Lage angetroffenen Fundmaterials eine Datierung des einzelnen Befunds oft fraglich - auch weil die wohl in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts n. Chr., evtl. schon gegen 1100, wieder einsetzende Besiedlung zunächst auf demselben Niveau beginnt. So ist noch unklar, in welche Zeit ein etwa West-Ost verlaufender Graben gehört, der leider nur randlich in der Grabungsfläche belegt ist. Aus keltischer und römischer Zeit gibt es keinen nennenswerten Fundniederschlag. Möglicherweise wurden einige römische Leistenziegel sekundär auf das Gelände verbracht.
Die mittelalterliche Besiedlung scheint von Beginn an gewerblichen Charakter besessen zu haben, auch wenn der auf dem gesamten Grabungsareal nachweisbare Betrieb zahlreicher Öfen im höhergelegenen Bereich an der Wilhelmiterstraße auch "Konkurrenz" hatte. Hier sind Schwellenbauten, zahlreiche Wegpflasterungen, (Umfassungs?)mauern und eine gewaltige, mehrere (spätere) Grundstücke übergreifende Grube mit steilen Wänden, die überwiegend mit fundfreiem verlagerten Oberboden verfüllt wurde, nachgewiesen. Vor allem die Großgrube gibt Rätsel auf: Fassen wir hier ein Großbauprojekt, welches durch eine Planänderung in letzter Minute nicht über den Baugruben-Status hinausgeführt werden konnte? Sowohl Großgrube als auch die (Umfassungs?)mauern wurden noch während des Spätmittelalters aufgegeben, das Areal wurde - wieder - gewerblich genutzt.
Bei den nachgewiesenen Öfen scheint es sich überwiegend um stehende Öfen gehandelt zu haben. Auch wenn keine Abwurfhalden oder mit Fehlprodukten verfüllte Brennkammern nachweisbar sind, scheinen aufgrund des Auftretens charakteristischer Fehlbrände doch verschiedene Ton-Produkte gebrannt worden zu sein: In jedem Falle Ziegel, sehr wahrscheinlich aber auch Geschirr- und Ofenkeramik. Rohstofflieferant waren vermutlich die Tongruben, die an der Ausfallstraße Richtung Meßkirch noch heute bekannt sind. Da in den ältesten mittelalterlichen Schichten auch mutmaßliche Schmiedeschlacken auftreten, könnte für die Frühzeit auch andere Gewerbe betrieben worden sein.
Spannend ist die Frage nach dem politischen Umfeld, in dem die Gründung dieser gewerblichen Vorstadt im 12. Jh. zu sehen ist. Sehr deutlich wird - nicht nur wegen der oben erwähnten Rohstoffquellen - die Orientierung an der nach Südwesten führenden Fernstraße, die tatsächlich auch mit mehreren hochmittelalterlichen Schotterniveaus unter dem Gehweg an der Hauptstraße belegt werden kann. Mindestens ebenso spannend ist die Frage, wie es geschehen konnte, dass das Gewerbegebiet ohne wesentliche Änderungen in die spätmittelalterliche Stadt eingebunden wurde, was wegen der offensichtlichen Feuergefahr eine bemerkenswerte Entscheidung darstellte. Da Mengen im 13. Jh. eine "freie Stadt" war und mindestens für die Stauferzeit (Hoftag Barbarossas in Mengen 1170) die Bedeutung des Königtums für den Ort (und andersherum des Orts für den König) klar greifbar ist, lässt sich darüber spekulieren, ob das Ziegelei- und Töpfereizentrum nicht dem wohl bei der Martinskirche zu suchenden Königshof zuzurechnen wäre. In diesem Fall wäre auch der König als Stadtherr dafür verantwortlich gewesen, dass das Areal im 13. Jh. mit in die Ummauerung einbezogen wurde.
Die ätesten Keller unter den Häusern an der Hauptstraße scheinen im 15. Jh. verfüllt worden zu sein. Noch ganz unklar ist, wie die darüber zu rekonstruierenden Häuser mit der in unmittelbarer Nachbarschaft betriebenen Öfen zurechtkamen - bzw. ob es sich überhaupt schon um normale Wohnhäuser handelte - oder vielleicht eher um zur Hauptstraße/zum Straßenmarkt orientierte Verwaltungs- und Verkaufsgebäude. Im 15., spätestens im 16. Jh. wird das Gewerbegebiet schließlich aufgegeben: Binnen kurzer Zeit dehnt sich die Hauptstraßenbebauung nach "hinten" aus, es entstehen Hinterhäuser und Werkstätten mit Lehmestrichböden. Man wird davon ausgehen, dass zu dieser Zeit das "Baumgässle" entstand, das die rückwärtige Bebauung erschloss. Auch an der Wilhelmitenstraße entstehen nun Gebäude, allerdings sind sie gegenüber heute etwas in die Straße in Richtung Kloster hineinverschoben.
Schon jetzt, kurz nach Abschluss der Grabung ist offenkundig, dass in einer späteren Auswertung ein erheblicher Beitrag zur mittelalterlichen Geschichte Mengens geleistet werden kann - mit Aspekten, die bislang noch nicht einmal in der Diskussion waren. So muss man eigentlich davon ausgehen, dass das ergrabene frühe Mengener "Industriegebiet", das mindestens bis ins 15. Jh. Bestand hatte, eine Erwähnung in den Schriftquellen gefunden hat - und so vielleicht sogar noch zu einem Namen kommen wird. Weitere baubegleitende Untersuchungen an Fundamentgräben und Baugrubenwänden fanden im November und Dezember 2016 statt - sie führten insbesondere zum Nachweis einer Reihe von weiteren vorstädtischen Siedlungsstrukturen an der Hauptstraße: Pfostengruben, Gruben und Gräben, deren Zusammengehörigkeit, Datierung und Wertung zum aktuellen Zeitpunkt jedoch noch offenbleiben muss.
Eine Kurzzusammenfassung zu den große Teile der Mengener Altstadt betreffenden baubegleitenden Untersuchungen in Zusammenhang mit der Neugestaltung der Mengener Innenstadt/Baubegleitung Nahwärmetrassen 2012-2015 ist im Archiv hinterlegt.

Nehren, Gasthaus Schwanen

Nach dem Abbruch des an der Bohlstraße gelegenen Anbaus zum Nehrener Gasthaus Schwanen fanden von April bis Juni 2016 an fünf Tagen baubegleitende archäologische Untersuchungen im Auftrag der Gemeinde Nehren statt. Nach der vorläufigen Einschätzung der Grabungsbefunde erbrachte die Grabung wichtige Ergebnisse zur Nehrener Siedlungs-, vor allem aber Wirtshausgeschichte.
Die Besiedlung vor Ort beginnt im Zeitraum 2. H. 13./1. H. 14. Jh. Ältestes Gebäude dürfte ein Fachwerkbau auf Steinschwellen sein, welcher sich vom südwestlichen Drittel des Grabungsreals weiter nach SW unter den „Schwanen“ erstreckte und auch nach NW leicht über die heutigen Grundstücksgrenzen ausgriff. Im sich nach NO erstreckenden von der Hauptstraße aus rückwärtigen Areal bestand ein Keller mit Sandsteinboden oder -außenmauern. Das zugehörige Gebäude könnte ausweislich einer unmittelbar benachbarten Pfostengrube ein Pfostenbau gewesen sein. Auffällig ist, dass zwar der straßenseitige Fachwerkbau bereits die heutige Hauptstraßenorientierung spiegelt, das Nebengebäude ist jedoch leicht gegen den Uhrzeigersinn verdreht. Aus der ersten Besiedlungsphase ist auch ein Napfkachelfragment überliefert, weshalb man nicht unbedingt mit einer gewöhnlichen bäuerlichen Ansiedlung rechnen sollte. Auch die Verwendung von behauenem Sandstein ist als Qualitätsmerkmal der Ansiedlung zu werten und tritt in derselben Zeit z. B. auf der damals (gegen 1280) durch die Nerer wiederbesiedelten Burg in den Weihergärten auf. Nach den Negativ-Befunden Hauptstraße 30 und dem Eckgrundstück Bubengasse 2-4 stellt das Grundstück Hauptstraße 28 den bislang einzigen spätmittelalterlichen Siedlungsnachweis im Kontaktbereich Nehren-Hauchlingen dar, welcher in seiner Gesamtheit erst frühneuzeitlich aufgesiedelt worden sein dürfte. Beim aktuellen Forschungsstand wird man unter dem „Schwanen“ einen herrschaftlichen Hof in solitärer Lage vermuten – oder aber bereits ein Gasthaus (s.u.) zwischen den zwei damals noch getrennten Orten.
In der zweiten Hälfte des 15. Jh. wird das Areal komplett umgestaltet. Der Nachfolgebau des Hauptgefäudes stützt sich auf ca. 80 cm breite trocken gemauerte Fundamente, welche durchaus schon ein massives Erdgeschoss getragen haben könnten. Im Keller im Hinterhofareal wird etwa 20 cm aufplaniert und ein neuer Steinboden eingebracht. Am Ende des Kellerhalses sind nun auch Fundamente eines Fachwerkbaus nachweisbar, in den der Keller nun integriert wurde. Die deutlich holzkohlehaltige Aufplanierung im Keller zeigt, dass der Neubau möglicherweise durch einen Brand erzwungen wurde. Der Bau des ausgehenden Spätmittelalters ist nun mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits als Gasthaus zu werten: Die mit der in die 2. H. 16./1. H. 17. Jh. datierenden Neubauphase verbundene Kellerverfüllung sowie Abbruchhorizonte über den Fundamenten führen neben diverser Baukeramik auffällige Mengen von rautenförmig zugeschnittenem Flachglas sowie eine ganze Reihe unterschiedlicher grüner Hohlgläser, z. T. mit Nuppenbesatz, zum Teil mit Fadenauflagen, zum Teil optisch bzw. formgeblasen. Unglasierte Schüsselkacheln und später Blattkacheln (grüne Renaissancekacheln, später auch schwarz glasierte) belegen den wahrscheinlich ununterbrochenen Kachelofenbetrieb vor Ort.
Der Neubau der 2. H. 16./1. H. 17. Jh. könnte bis auf einen leichten Versatz nach Südosten ziemlich exakt deckungsgleich mit dem 2016 abgerissenen Anbau gewesen sein. In jedem Fall muss es sich beim nun fassbaren Gebäude, dessen Südostfundament den inzwischen verfüllten spätmittelalterlichen Keller auf Höhe des Halses schneidet, um ein Nebengebäude des Gasthofs gehandelt haben, welcher möglicherweise bereits auf dem heutigen Schwanen-Grundriss neu errichtet worden war. Die zeitliche Lücke zwischen dem Fundmaterial und der Schwanen-Bauinschrift von 1698 ist dabei wohl zu groß, um eine Spätdatierung ins ausgehende 17. Jh. in Betracht ziehen zu können. Mit dem Neubau des 2. H. 16./1. H. 17. Jh. endet das Fundaufkommen auf der Untersuchungsfläche weitestgehend. Nur ganz wenige Einzelscherben ohne klaren Befundzusammenhang belegen den Horizont des 18./19. Jahrhunderts, dessen archäologische Überreste, wenn sie je noch vorhanden waren, mit dem Abriss des wohl in der 2. Hälfte des 19. Jh. (gefügekundlich 1860 ±15) errichteten Schwanenanbaus nahezu komplett entfernt wurden. Als bauhistorisches Relikt des 18./19. Jahrhunderts ist auf die in Profil 4 dokumentierten Reste eines zweiphasigen Ofengewölbes hinzuweisen, das in Zusammenhang mit dem z. B. auf den Flurkarten von 1821 und 1843 erfassten kleinen Anbau zu sehen ist, bei dem es sich schon aus Platzgründen nur um einen überdachten Feuerungs- und Abzugsbereich zu einem im Wesentlich innerhalb des Schwanen gelegenen Backofen gehandelt haben kann.

Tübingen, Archäologischer Stadtkataster

Im Rahmen der Arbeiten am Fundstellenkatalog zum Archäologischen Stadtkataster Tübingen zeichnen sich erste Ergebnisse insbesondere zur Entstehung der mittelalterlichen Stadt Tübingen ab - die aufgrund der nur überschlägig durchgeführten Sichtung der Dokumentation allerdings nur Vorberichtsqualität besitzen und im Wesentlichen als Hypothesen zur Anregung weiterer Forschungen betrachtet werden sollten.
Das Gebiet der frühmittelalterlichen Siedlung Tübingen ist inzwischen mit guten Gründen im Areal der späteren Unterstadt zu verorten - eingegrenzt in etwa von nördlicher Stadtmauer, Salzstadelgasse, Langer Gasse und dem Beginn des steileren Anstiegs zum Schlossberg. Die im 6. Jh. gegründete Siedlung, die vermutlich nicht allein landwirtschaftlichen Hintergrund besaß, lag zu beiden Seiten der Ammer, die damals etwa auf der Linie Madergasse - Johanneskirche geflossen sein dürfte, mindestens 4,5 Meter unter dem heutigen Niveau. Die Siedlung, zu der inzwischen ein zweites Gräberfeld bekannt ist (eine "Hofgrablege" des 8. Jh. im Bereich Hirschgasse/Collgiumsgasse), könnte von Beginn an auch auf einen Neckarübergang ausgerichtet gewesen sein.
In der Zeit um die Jahrtausendwende ist am Schmiedtor eine etwa 30 Meter durchmessende Wall-Graben-Befestigung auf der Linie der späteren Stadtmauer zu fassen. Vermutlich ist diese weniger als Adelssitz denn als Zeichen für den Beginn einer frühstädtischen Befestigung des alten "dörftlichen" Siedlungsareals zu werten. Tatsächlich wird im 11. Jh. eine diese "Frühstadt" umfassende Wall-Graben-Anlage errichtet - möglicherweise im zeitlichen Kontext mit der Errichtung der Burg Hohentübingen (vor 1078). Noch im 11. Jh. beginnt die flächige städtische Aufsiedlung der Tübinger Altstadt in ihren heutigen Ausmaßen. Dabei scheint es so, als ob die neu erschlossene Siedlungsfläche (also insbesondere die Oberstadt und die östliche Altstadt) planmäßig angelegt wurde - durch möglichst gerade auf einen zentralen Platz (den heutigen Holzmarkt mit der wohl damals errichteten Stadtkirche St. Georg) zuführende Erschließungsachsen, von denen die Lange Gasse, die Neckargasse und die Achse Neckarhalde-Kronenstraße heute noch in ähnlicher Form Bestand haben.
Im 12. Jh. nimmt die Aufsiedlung enorm an Fahrt auf. Vor allem ist jedoch auf die mit Abstand wichtigste Infrastrukturmaßnahme hinzuweisen: Der Bau der Stadtmauer, verbunden mit erheblichen Eingriffen in das Ammersystem. Der Fluss wurde an den Schnarrenberg-Hang nördlich der Stadtmauer verlegt (floss evtl. ursprünglich durch den neu angelegten Stadtgraben), während die Stadt durch den 1149 errichteten, am Hang des Schlossbergs entlangführenden Ammerkanal mit Brauchwasser versorgt wurde. Das Großprojekt dürfte in den 1140ern begonnen worden sein und sicherlich erst in der 2. H. des 12. Jh. abgeschlossen. Verheerende Auswirkungen zeitigten die Eingriffe in der zentralen Unterstadt: Bis etwa 1250 mussten im Bereich der ehemaligen Ammer mindestens 4,5 Meter Sediment aufgeschüttet werden, um dem stetigen Anstieg des Grundwasserpegels zu begegenen! Noch heute zeugt die romanische Jakobuskirche (vermutlich die alte Dorfkirche!), deren Niveau etwa 2 m tiefer liegt als das der spätgotischen Umbauphase um 1500, von diesen Vorgängen.
Es ist bezeichnend für die wirtschaftliche Potenz der pfalzgräflichen Stadtherren, dass diese drei Generationen währende Katastrophe bewöltigt werden konnte, ohne dass sich etwas am Tübinger Wohlstadt änderte: Das Fundmaterial des 12./13. Jh. bezeugt vor allem durch den flächig vorhandenen Becherkachelhorizont einen außergewöhlichen Lebensstandard in dieser Zeit. Auch der Stadtbrand von 1280, der große Teile der Unterstadt sowie die östliche Altstadt verwüstete, konnte durch die Stadtherrschaft noch produktiv genutzt werden: Allenthalben sind neue Parzellierungen und sogar Neuanlagen von Durchgangsstraßen (Pfleghofstraße)zu beobachten, in der Schmiedtorstraße entstehen das Spital und ein öffentlicher Großbau unter dem späteren Fruchtkasten. Das nachstadtbrandzeitliche Fundmaterial jedoch zeugt von sich allmählich normalisierenden Verhältnissen: Das Tübingen des 14. Jh. präsentiert sich eher unauffällig, die städtische Entwicklung verlangsamt sich. Erst im Zuge der neuen Bedeutung, die Tübingen in der 2. Hälfte des 15. Jhs. gewinnt (Universitätsgründung 1477) lässt sich ein neuerlicher Schub verzeichnen.

www.historische-archaeologie.de wurde zuletzt aktualisiert am 20.11.2017