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Aktuelles

Denkendorf, Klosterhof 7

Seit Ende November 2018 laufen die Rettungsgrabungem im südlich an die Klausur des Denkendorfer Klosters anschließenden Areals, wo nach Abriss der Bebauung des 20. Jahrhunderts ein Pflegeheim der Zieglerschen entstehen soll. Das Baufeld lag ursprünglich wohl außerhalb des Klosters (so zu sehen noch auf der Ansicht von Kieser 1683/85) und wurde nach den vorläufigen Erkenntnissen wohl erst im frühen 18. Jahrhundert in das Kloster integriert, als dort die zweite Denkendorfer Klosterschule errichtet wurde, die später u. a. Friedrich Hölderlin besuchen sollte. Die Baustrukturen dieser Phase sind trotz mannigfaltiger moderner Störungen noch umfangreich dokumentierbar, sie hatten bis in die Nachkriegszeit Bestand, als sie undokumentiert abgerissen wurden.
Vor der Klostererweiterung war das Gelände gleichwohl nicht ungenutzt. Das durch einen mindestens bis ins Frühmittelalter aktiven Karstwasser-Quellhorizont mit Tuffbildung geprägte, ursprünglich stark profilierte Areal zeigt Reste von Planierungsmaßnahmen des Hoch- und Spätmittelalters, daneben aber auch Bodeneingriffe dieser Zeitstellungen in erheblichem Umfang, die in Zusammenhang sowohl mit Rohmaterialgewinnung als auch mit Müllentsorgung stehen dürften. Die auffälligste Struktur, welche wegen der Störungen des 20. Jahrhunderts bisher noch nicht befriedigend abzugrenzen ist, ist eine ungefähr metertiefe Eingrabung parallel zur mittelalterlichen Klostermauer, welche diese auf ganzer Länge zu begleiten scheint und steilwandig ausgeführt wurde. Noch unklar ist, ob ein ausgemauerter Erdkeller (?) direkt südlich davon in Zusammenhang mit der Struktur steht, welche in diesem Fall ebenfalls ausgemauert gewesen sein könnte. Die Verfüllung der eingetieften Strukturen bringt neben großen Mengen von Tierknochen (unter denen ein beträchtlicher Anteil an Karnivorengebissen auffällig ist) Keramik zwischen Merowingerzeit und vermutlich der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts, daneben viele verbrannte Sandsteine, Holzkohle und Reste von wohl vor Ort abgebauten, materiell eher minderwertigen Tuffsteinen, die ausweislich der Bearbeitungsspuren gleichwohl zu Bauzwecken verwendet wurden. Es ist gut möglich, dass die rätselhafte Struktur bzw. deren Verfüllung in direktem Zusammenhang mit der Gründung des Denkendorfer Klosters kurz vor 1130 steht.
Aber auch schon vor der Klostergründung scheint der Platz an der Quelle eine Siedlung von Relevanz beherbergt zu haben. In der genannten großflächigen Verfüllung fand sich u. a. ein Beinbeschlag, der zu einem hochmittelalterlichen Reliquienkästchen gehört haben könnte, darüber hinaus gibt es Hinweise auf frühe Ofenkeramik (Topfkacheln der älteren gelben Drehscheibenware). Die stark verbrannten Sandsteine müssen indes nicht zwingend zu vorklösterlichen Massivbauten gehören (zumal in keinem Fall Mörtelspuren beobachtet werden konnten): Östlich der Grabungsfläche konnten beim Abräumen einer für das Kranfundament vorgesehenen Fläche Reste mehrerer Ofenstrukturen aufgedeckt werden. Der mit Abstand besterhaltene Befund eines stehenden Ofens mit zwei gewölbten Ofentoren, einer als "falsches Gewölbe" aus dem lokal anstehenden Sandstein ausgeführten Ofenkuppel und über 1 m hoher Befunderhaltung datiert bereits in die frühe Klosterzeit (12./13. Jh.). Aufgrund der fehlenden Lochtenne, weißlichen Ablagerungen in der Brennkammer sowie der charakteristischen Eintiefung des Ofens in den hier nach Westen ansteigenden Hang liegt eine Ansprache als Kalkofen nahe. Benachbarte Ofenstrukturen, die offenbar noch in das vorklosterzeitliche Hochmittelalter gehören, lassen sich im Moment noch nicht sicher funktional einordnen.

Mengen, Stadtgeschichte

Im Zusammenhang mit einer im Auftrag der Stadt Mengen durchgeführten Stadtführerschulung im Oktober 2018 Revision des historisch-archäologischen Forschungsstands zur Siedlungs- und frühen Stadtgeschichte. Der aktuelle Forschungsstand stellt sich grob wie folgt dar:
Bereits im 7. Jahrhundert lassen sich in Mengen rechts der Ablach mehrere Höfe ausmachen, die sich an der hier verlaufenden Fernstraße orientieren. Zum größeren Teil dürften diese im Jahr 819 mit der Kirche St. Cornelius und Cyprian und den Höfen links der Ablach (heute: Ennetach) von Ludwig dem Frommen an das Damenstift Buchau geschenkt worden sein. Offenbar gilt das nicht für den Hof bei St. Martin, wo über die Jahre eine eigene Pfarrei entstehen sollte. Im 11./12. Jahrhundert hat die romanische Martinskirche mit 18,50 m Länge bereits die Ausmaße einer regulären Dorfpfarrkirche - die Saalkirche mit Rechteckchor entspricht in Gestalt und Größe fast exakt der gut untersuchten Martinskirche in Kornwestheim. Spätestens in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts hat Mengen rechts der Ablach nicht mehr den Charakter einer ländlichen Siedlung: die Königsstraße wird erstmals geschottert, die Siedlung wächst und füllt nun den größeren Teil der späteren Altstadt aus. Als Zentrum der frühstädtischen Entwicklung wird man den Hof an der Martinskirche ausmachen, insbesondere nach dessen mutmaßlichen Übergang an die Pfalzgrafen von Tübingen in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Es ist noch unklar, welche Rolle in dieser Zeit das Kloster Beuron spielte, welches wohl seit dem späten 11. Jahrhundert rechts der Ablach reich begütert war. Vor allem ist unklar, ob es zwischenzeitlich Teilbefestigungen Mengens rechts der Ablach gab. Bisher sind frühstädtische Befestigungen des 12. Jahrhunderts nur im Umfeld der Martinskirche wahrscheinlich zu machen: ein ältestes Riedlinger Tor, ein später in die Stadtmauer am östlichen Stadtgraben integrierter Turm, der wohl mit dem "Wendelstein" zu identifizieren ist sowie eine frühstädtische (Wall)-Grabenanlage. Auch wenn es nach den Forschungen Helmut Maurers in Mengen offenbar keine Königspfalz gab, wird man den Hoftag Friedrich Barbarossas 1170 wohl am Hof bei der Martinskirche lokalisieren können - mit Pfalzgraf Hugo von Tübingen als Gastgeber.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts scheint sich die zuvor schon weit vorangeschrittene frühstädtische Entwicklung Mengens zu verlangsamen - möglicherweise hatte die Frühstadt für die Grafen von Montfort, die inzwischen Herren über die "curia retro ecclesiam" gewesen sein dürften, nicht mehr dieselbe Bedeutung wie zuvor für die Tübinger. In der Mitte des 13. Jahrhunderts scheint dann die Stadtgründung als "Frei-Mengen" (im Gegensatz zum Mengen links der Ablach ohne städtische Freiheiten) erfolgt zu sein. Noch unklar ist, wer die Träger waren. Noch Montfort? Datiert der Erwerb Mengens durch Habsburg früher als bisher gedacht? Gab es eine unbekannte dritte Partei, die schnell wieder von der Bildfläche verschwand? Klar ist erst wieder, dass Habsburg die Stadtgründung 1276 zum Abschluss brachte, vor allem dadurch, dass das Kloster Beuron, das den Entwicklungsprozess eher behindert zu haben scheint, weitgehend aus dem umwallten Stadtbereich vertrieben werden konnte.
Entscheidend für die letztliche Deutung des frühen Stadtgründungsprozesses ist die Einordung der C14-datierten Südosterweiterung des Stadtgebiets jenseits Rosen- bzw. Fuchsstraße. Mit grob 15% gehört sie noch ins spätere 12. Jahrhundert nach 1170, rein quantitativ am wahrscheinlichsten ist eine Datierung in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, doch auch die frühen 1250er liegen noch im Bereich des gut Möglichen. Man darf gespannt sein...

Dußlingen, Hofstatt

Im Auftrag der Gemeinde Dußlingen fand im Mai 2018 eine einwöchige Sondageuntersuchung im zukünftigen Baugebiet "Hofstatt" am südwestlichen Ortsrand statt. Auslöser waren Lesefunde von älterer gelber Drehscheibenware, Schlacke sowie der Flurname, der auf eine ältere Siedlungsstelle an diesem Ort verweist. Bei der Sondageuntersuchung, welche auf die zukünftigen Straßentrassen im oberen/nördlichen Teil des Baugebiets beschränkt war, ließen sich die Lesefunde zwar vermehren, jedoch nicht gesichert mit Befunden korrelieren. Stattdessen traten in weiten Teilen des Sondageareals merowingerzeitliche Siedlungsbefunde auf. Da die ältere gelbe Drehscheibenware aus den Lesefunden auch in "rauwandigen" Ausprägungen auftritt, die in die Karolingerzeit zurückgehen dürften, spricht vieles dafür, dass die neu entdeckte Siedlung während des Frühmittelalters kontinuierlich bestand und dabei allmählich nach Osten Richtung Steinlachtal wanderte.
Wie die ungewöhnliche Form des Altortes schon nahelegt, ist Dußlingen damit mit hoher Wahrscheinlichkeit aus zwei frühmittelalterlichen Siedlungskernen entstanden: Dußlingen rund um Kirche und Burg im Norden und die später "Hofstatt" genannte Siedlung im Südwesten. Beide Orte dürften auf verschiedene Rammert-Querungen ausgerichtet sein und damit unterschiedliche Funktion im kleinräumigen Verkehrsnetz gehabt haben. Weil die merowingerzeitliche Keramik (Grobware ohne charakteristische Randformen) sich einer Feindatierung entzieht, kann die absolute Datierung des Siedlungsbeginns in der "Hofstatt" aktuell noch nicht auf den Punkt gebracht werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist daher auch noch offen, ob es sich bei der später "Hofstatt" genannten Siedlung um eine spätmerowingerzeitliche Ausbausiedlung handelt oder möglicherweise um eine von Dußlingen unabhängige Gründung.
Die wegen der Erkenntnisse aus der Sondageuntersuchungen angesetzten archäologischen Ausgrabungen werden in Kürze beginnen, durchgeführt von der Tübinger Grabungsfirma ArchaeoConnect.

Gammertingen, Hohenzollernstraße 5-7

Im April konnte nach zweidreiviertel Jahren die Auswertung der von mir im Auftrag des damaligen Referats Denkmalpflege am RP Tübingen durchgeführten Ausgrabungen, die 2012 und 2013 auf dem Gammertinger Schlossplatz stattfanden, tatsächlich erfolgreich abgeschlossen werden.
Es lassen sich eine Reihe von Besiedlungsphasen rekonstruieren, die zum Teil durch erhebliche Brüche voneinander unterschieden sind. Auch am Schlossplatz beginnt die Besiedlung in vorgeschichtlicher Zeit, römische Funde sind an dieser Stelle nicht nachzuweisen. Die Besiedlung bezieht sich dabei von Anfang an auf eine ehemalige "Lauchertinsel", welche den Norden und Nordosten des mittelalterlichen Stadtgebietes (ohne Schwedengasse) einnimmt und sich darüber hinaus weiter nach Südosten fortgesetzt haben kann. Sie wird begrenzt vom heutigen Flussbett und einem weiter südwestlich verlaufenden Altarm, der seit der Bronzezeit allmählich verlandete. Der mittelalterliche Fundniederschlag beginnt um die Jahrtausendwende, wobei es sich aber um Streufunde von nördlich bzw. nordwestlich liegenden Siedlungsbereichen handeln dürfte. Spannend ist der Befund eines - nur in zwei Profilen erfassten - flachen Gräbchens mit einem (von mehreren?) damit korrespondierenden Pfahlloch am Südrand. Mit einiger Wahrscheinlichkeit erfassen wir hier die Befestigung der Niederungsburg der Grafen von Gammertingen, welche ab ca. der Jahrtausendwende bis an den heutigen Schlossplatz herangereicht zu haben scheint.
Nach einem Großbrand in der Niederungsburg in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (um 1165/70?, möglicher Zusammenhang mit der "Tübinger Fehde"?) - vermutlich eben jenem Brand, dem auch die "Basilika" der Grafen von Gammertingen (St. Michael) zum Opfer fiel - , scheinen wir die Entfestigung der Niederungsburg und das allmähliche Ausgreifen frühstädtischer Besiedlung nach Südwesten greifen zu können. Die städtische Besiedlung beginnt um 1270/80 mit einem im Südwesten der Grabungsfläche nur randlich erfassten stark fundamentierten, von mir als Rathaus gedeuteten Massivbau an der hier zum Marktplatz geweiteten Hauptstraße. Stadtauswärts Richtung Lauchert stand damals noch ein Pfostenbau - vermutlich als stadtgründungszeitliches Provisorium (Gasthof?) anzusprechen. Es ergeben sich hochspannende historische Modelle für die Gründungssituation - mehr soll hier aber nicht verraten werden.
Der provisorische "Gasthof" wurde erst im 14. Jahrhundert (gegen 1320/30) durch einen langschmalen dreizonigen Anbau an den älteren Massivbau ersetzt. Der Anbau wies im Erdgeschoss der im Lichten 9 Meter breiten Mittelzone offenbar einen Durchgang zu einem weiteren Straßenzug im Südosten auf. Die nordöstliche Zone des Anbaus stellte als Turm mit drei Massivbaugechossen einen eigenen Baukörper dar, der einerseits (als Teil einer ältesten Stadtbefestigung?) den Stadtabschluss zur Lauchert markierte, andererseits baulich und funktional mit dem "Rathaus" verbunden war. Der Turm wies im Erdgeschoss eine Küche und eine beheizte Kammer (Amtsraum?) auf, darüber nahm ein Saal mit repräsentativem Kachelofen und offenem Kamin wohl die ganze Turmfläche ein. Der nur temporär genutzte Raum könnte als großer Ratssaal und/oder als bürgerlicher Festsaal genutzt worden sein. Im zweiten Obergeschoss wird man wohl Wohnnutzung rekonstruieren können, wobei sich evtl. ein Zusammenhang mit dem "Amtsraum" im EG darstellen lässt.
Vor dem dreizonigen Rathaus-Anbau stand zur gleichen Zeit ein weiteres Gebäude, vermutlich ein Fachwerkbau auf massiven Steinschwellen. Dieser Bau, bei dem es sich um den Nachfolger des provisorischen Gasthofs gehandelt haben könnte, dürfte den damaligen Marktplatz auf dessen Nordostseite begrenzt haben. Alle ergrabenen Bauten dieser Phase brannten um das Jahr 1410 herum ab. Der Brand führte zu einer vollständigen Neuordnung des Stadtviertels am Unteren Tor und ist von seiner Größenordnung her als Stadtbrand einzuordnen. Zugehöriger Brandschutt ist noch im nordwestlichen Teil der Schwedengasse nachzuweisen, die erst durch damalige Aufschüttung ins Stadtgebiet mit einbezogen wurde. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Brand, der im Marktprivileg von 1418 erwähnt wurde, wo es heißt, dass er "vor Jahren" Stadt und Bürger Gammertingens schwer geschädigt hatte, und der vom König als Grund für die Erweiterung der bisherigen Marktrechte angeführt wurde. Nach dem Brand wurde am Nordostende des alten Marktplatzes erneut ein repräsentativer gegliederter Großbau errichtet - nun allerdings in gänzlich anderer Lage und Orientierung. Das Gebäude war, wie es scheint, nun auf einen neuen Platz bezogen, der sich zwischen ihm und dem unteren Tor aufspannte. Auch wenn die platzzeitlichen Schichten fehlen, lässt sich deren ehemaliges Vorhandensein durch Funde des 15./16. Jahrhunderts aufzeigen, die in späteren Bodeneingriffen aufgearbeitet wurden. Man wird diesen Bau als erstes Stadtschloss am Unteren Tor begreifen können: Offenbar nutzte die neue Rechberger Stadtherrschaft die nachstadtbrandzeitliche Erweiterung der Stadt Richtung Lauchert für die Neuanlage des herrschaftlichen Wohnbezirks - obwohl das alte "Schloss" bei St. Michael vermutlich vom Stadtbrand verschont worden war. Insgesamt wurde die Stadtfläche jedoch verkleinert: Im Zusammenhang mit einem Nordwestversatz der Hauptstraße wurde im Südosten der Stadt mindestens ein Straßenzug aufgegeben. Das stadtgründungszeitliche Rathaus wurde am bis heute überlierferten Platz des "Alten Rathauses" neu aufgebaut und beherrschte dort den sich nach Südwesten öffnenden neuen Marktplatz, der durch das schräggestellte Schloss die Form eines Dreiecksmarkts erhielt.
Im späteren 16. Jahrhunderts kommt es erneut zur völligen Neukonzeption des Viertels, da das durch die Speth errichtete neue Stadtschloss mitten auf den alten Schlossplatz gesetzt wurde - traufständig zur nordwestlich vorbeiführenden Hauptstraße und verbunden mit einer deutlichen Verkleinerung des Schlossbezirks gegenüber der Rechberger Zeit. Um/kurz nach 1600 kommen unter Philipp Dietrich Speth weitere Bauten hinzu, der "Neue Bau" und die (neue) Schlosskapelle. Der neue Schlossbezirk war von einer Umfassungsmauer umgeben, die bogenförmig noch die "Querstellung" des spätmittelalterlichen Vorgängerbaus spiegelt. Noch heute reflektiert die bogenförmige Straßenführung der Hohenzollernstraße beim Schloss noch ein Stück weit die damaligen Verhältnisse. Unmittelbar nach Bauerrichtung wurde an das Spethsche Stadtschloss ein parallel zum Schloss augerichtetes Wirtschaftsgebäude mit zwei großen Gewölbekellern angebaut, das sich rückwärtig auf die Stadtmauer stützte und das Schloss nur auf wenigen Metern berührte. Das Wirtschaftsgebäude dürfte nach dem schriftlich überlieferten Einsturz eines Stücks der Stadtmauer im Jahre 1667 umgebaut worden sein, wobei die Vorderfront zum Hof hin wohl erhalten bleiben konnte.
Im Jahre 1739 - die im heutigen Rathaus integrierten Reste des Baus konnten inzwischen dendrochronologisch datiert werden - wurde der älteren Gammertingern als "Fruchtkasten" bekannte südöstliche Schlossflügel errichtet, vermutlich auf Basis eines vergrößerten und um ein Stockwerk erhöhten Neubaus des alten Wirtschaftsgebäudes bereits in den 1720ern. Beide Gewölbekeller, vermutlich auch noch die alte nordöstliche Giebelwand, waren darin integriert. Einer der Keller wurde nun durch eine Wendeltreppe direkt mit den Obergeschossen des alten Schlosses verbunden. In der Nordostzone des Erdgeschosses wurde die eingewölbte Schlossküche errichtet, welche in Resten im ehemaligen Bürgerbüro im Rathaus bis heute baulich überliefert ist.
Im Kontext mit dem Bau des neuen Schlossflügels, der von Beginn an multifunktional war und wirtschafliche Nutzung (Fruchtkasten, wohl auch Reitstall) und repräsentative Wohnnutzung vereinigte, wurde die Stadtmauer im Schlossbereich nieder- und die herrschaftlichen Gärten außerhalb der Stadtmauer neu angelegt. Auf der Hälfte seiner Nordwestfassade war der neue Flügel mit dem Schloss des späten 16. Jahrhunderts zusammengebaut. Man erkennt unschwer, dass bereits damals der Plan zum Abriss des alten Schlosses und zum Bau eines neuen Nordostflügels an der Lauchert bestand. Es kam nicht zur Realisierung, da Bauherr Marquard Rudolf Anton Speth bereits 1741 in jungen Jahren verstarb. Der Plan wurde daher erst eine Generation später und in veränderter Form 1775-1777 durch den Architekten Michel d'Ixnard in die Tat umgesetzt.
Auch zum klassizistischen Stadtschloss gibt es neue Ergebnisse: der 1791 von d'Ixnard publizierte Plan eines "doppelten" Gammertinger Schlosses beidseits eines ebenfalls erneuerten unteren Tors blieb bis in die Zeit der Koalitionskriege hinein der tatsächlich verfolgte Bauplan! Das bestehende Speth'sche Schloss ist effektiv nur ein halbes Schloss, ein reines herrschaftliches Wohnhaus, welchem unter anderem ein repräsentativer Schlosssaal und auch eine Schlosskapelle fehlten! Der neben dem Durchgang durch den Schlossflügel/Fruchtkasten gelegene hohe eingewölbte Raum, der in Gammertingen traditionell als alte Schlosskapelle angesprochen wurde, ist erst bei einem Umbau der frühen hohenzollerischen Zeit zwischen 1827 und 1838 entstanden - zu genau der Zeit, als der ehemalige Schlossflügel seine charakteristische Sieben-Arkaden-Fassade erhielt. Durch die enge Eingrenzung der Datierung ist möglicherweise auch der Architekt zu benennen: Rudolf Burnitz, ein enorm vielseitiger Architekt an der Schwelle zwischen Klassizismus und Historismus, der zwischen 1816 und 1840 eine Reihe repräsentativer Bauten für drei hohenzollerische Fürsten errichtete, vor allem aber durch sein Wirken in Frankfurt dauerhaften Ruhm errang.
1862 ging der ehemalige Schlosskomplex in städtische Hand über, im alten Fruchtkasten wurde die Volksschule eingerichtet. Der schriftlich überlieferte Umbau (der im anschließenden Schloss, wo das Rathaus eingerichtet wurde, sehr umfangreich war), beschränkte sich im Fruchtkasten im wesentlichen auf die Einrichtung von vier Schulsälen im Obergeschoss. Von Bedeutung war schließlich eine weitere Umbauphase 1894/95, als der Fruchtkasten einen Mittelrisalit zum hinteren Schlosshof und ein neu konzipiertes Treppenhaus erhielt. Eine letzte Umbauphase datiert in die frühen 1950er Jahre, als die Schule - kurz bevor sie zugusten ihres neuen Standorts aufgegeben wurde, noch einmal gründlich renoviert und sogar um eine Turnhalle erweitert wurde. Die Ausgrabung ist über ihre Relevanz für die Stadt- und Herrschaftsgeschichte Gammertingens hinaus insofern auch von übergeordneter Bedeutung, als dass sich jetzt schon deutlich zeigt, dass Gammertingen als Paradebeispiel gegen die Zulässigkeit der Rückschreibung der ersten Planaufnahmen bis ins Mittelalter angeführt werden kann. Die heute ersichtliche Gliederung der kleinen Altstadt ist in bedeutsamen Teilen erst im 15./16. Jahrhundert entstanden - und im 18. Jahrhundert in zwei unterschiedlichen Schritten relevant überformt worden. Allein am Schlossplatz liegen zwischen der Stadtgründung und der Urkarte des 19. Jahrhunderts zwei vollständige Neukonzeptionen des umgebenden Stadtviertels.

Herrenberg-Kuppingen, Jettinger Str. 5-7

Auf zwei benachbarten Grundstücken im historischen Jettinger Ortskern werden durch die GWV Grundstücks- und Wohnungsverwaltungs GmbH Reutlingen Neubauten errichtet, weshalb (nach dem unbegleiteten Abbruch der historischen Vorgängerbebauung) baubegleitende Untersuchungen zu Beginn der Neubaumaßnahmen gefordert wurden, die an vier Tagen zwischen März 2018 und Januar 2019 durchgeführt wurden. Die Befunderhaltung auf den flächig untersuchten Grundstücken war relativ schlecht, was wohl auch mit den zuvor durchgeführten Abbruch- und Baustellenvorbereitungsarbeiten zu erklären ist. Die Anzahl und Qualität der Befunde ist jedoch nicht unbeträchtlich. Nach aktuellem Kenntnisstand scheint das westliche Grundstück (Jettinger Str. 7) erst im 16. Jahrhundert durch Wohnbebauung erschlossen worden zu sein, zuvor wurde das Gebiet mit zahlreichen Ofenanlagen gewerblich genutzt. Wegen der schlechten Befunderhaltung kann allerdings weder die Ofenfunktion bestimmt werden noch die genaue Zeitstellung. Keine unmittelbare Vornutzung zur im Urkatasterplan von 1825 belegten Bebauung ließ sich auf dem östlichen Grundstück (Jettinger Str. 5) feststellen.
Im Süden beider Grundstücke verweist jeweils ein Grubenhaus/Erdkeller auf einen älteren Siedlungskern um die im 18. Jahrhundert abgegangene romanische Gotthardskapelle. Der besser erhaltene Befund auf dem östlichen Grundstück kann durch Funde älterer gelber Drehscheibenware ins 11./12. Jahrhundert datiert werden. Zugehörige Pfostenbauten konnten nicht belegt werden - offenkundig wurde an der Jettinger Straße der äußerste nördliche Rand des südlichen Kuppinger Siedlungskerns erfasst.

Nehren, Vorplatz Veitskirche

Nachdem 2016 im Zusammenhang mit der Kirchenrenovierung erstmals baubegleitende Untersuchungen an der Nehrener Veitskirche erfolgt waren, konnten im März/April 2018 nun auch baubegleitende Untersuchungen auf dem westlichen Kirchenvorplatz durchgeführt werden. Diese erfolgten im Auftrag der Gemeinde Nehren, welche Eigentümerin des zur Hauchlinger Straße gelegenen westlichen Kirchvorplatzes ist. Die Befunde auf der überschaubar großen Untersuchungsfläche erwiesen sich als für die Nehrener/Hauchlinger Kirchen- und Siedlungsgeschichte in besonderem Maße relevant. Hauptbefund ist eine sanft zur Straße abfallende sorgfältig gepflasterte Fläche, auf der sich ein ca. 1 m breiter Fußweg abgrenzen lässt, welcher die gepflasterte Fläche zugleich entwässerte. Der Fußweg scheint auf das seit der Kirchenerweiterung von 1587 am heutigen Ort befindliche Hauptportal der Kirche zu zielen. Interessanterweise biegt der Weg am westlichen Ende des Kirchvorplatzes nach Süden ab. Er lässt sich von daher wohl auch als materielle Manifestation der Einpfarrung Nehrens nach Hauchlingen begreifen sowie als Zeichen dafür, dass das wesentlich bevölkerungsstärkere Nehren im vereinigten Ort auch auf der geistlichen Ebene die Ausrichtung vorgab.
Das Pflaster ist durch Reste einer darüberliegenden Brandschuttschicht in zweifacher Weise datierbar. Die Flachziegel, gebrannten Lehm, Holzkohle, Geschirr-, Ofen- und Sonderkeramik führende Schicht verweist wohl auf eine Ablagerung im 18. Jahrhundert, gleichwohl gehört das Gros der Funde in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, also in die Zeit der Kircherweiterung. Vermutlich lässt sich dieser Befund durch die erneute Ausplanierung von Sediment erklären, mit dem vor 1587 das stark nach Norden/Hauchlingen abfallende Gelände zum heutigen plateauartigen "Kirchhügel" aufplaniert wurde.
Fast noch spannender als die Umstände der Pflastererrichtung sind jedoch diejenigen seiner Aufgabe wohl im 18. Jahrhundert. Sie erfolgte unmittelbar nach dem Brand eines in Fachwerkbauweise errichteten Nachbargebäudes. Nach dem Ausschlussverfahren - die älteren Nachbargebäude bestehen entweder noch oder bestanden nachweislich weiter (das 1700 erbaute Nehrener Schulhaus) - ist der Brand auf dem heute der Gemeinde gehörenden Flurstück 4/1 selbst zu verorten. Dort bestand bis in die 1960er ein wohl ins 18. Jahrhundert zurückgehender Streckhof, der sich auf den heutigen Kirchzugang bezieht und wohl wie dieser ein Zeugnis der Neuordnung nach dem Brand war. Für den im 18. Jahrhundert abgegangenen Hof kommt letztlich vor allem ein Standort infrage: südwestlich der alten Schule im Bereich der Kurve, welche die Hauchlinger Straße heute um den "Kirchhügel" nimmt. Trifft diese Annahme, so müsste man bis ins 18. Jahrhundert noch gänzlich unterschiedliche Siedlungs-, vor allem aber Verkehrsverhältnisse rund um die Hauchlinger/Nehrener Kirche annehmen. Bis zu dieser Zeit wäre die in Verlängerung der Nehrener Hauptstraße verlaufende heutige Hauchlinger Straße gerade aus über das "Alte Gässle" Richtung Dußlingen/Tübingen verlaufen. Sie hätte im Bereich der heutigen Kurve ein wesentlich höheres Niveau und wäre vom frühneuzeitlichen gepflasterten Kirchvorplatz ohne Treppe erreichbar gewesen. Die Hauchlinger Häusergruppe "im Bund" wäre von dieser Hauptstraße nur mit einem sehr abschüssigen Pfad, vielleicht auch einer Treppe verbunden gewesen - eine Verbindung, die für landwirtschaftliche Gespanne möglicherweise nicht oder nicht dauerhaft befahrbar war. Tatsächlich datiert das älteste Haus am nach Nordnordost führenden unteren Ast der Hauchlinger Straße erst auf 1771 - für Hauchlinger Verhältnisse ein junges Datum.
Es spricht einiges dafür, dass das heutige Nehrener Hauptstraßensystem nur auf das 18. Jahrhundert zurückgeht - und dass sich der alte Kirchweiler Hauchlingen, der ursprünglich wohl dem Wiesbachübergang bei der Musikantenscheuer zugeordnet war, (heute) siedlungsgenetisch letztlich völlig auf die Häusergruppe im Bund reduzieren lässt. Die anderen Hauchlinger Häusergruppen wie etwa die "Oper" sind letztlich als Hofgründungen an der durch Nehren führenden Straße zu sehen, die wohl bis zum Ausbau der Schweizer Straße (B 27) als Chausee in den 1750ern noch als Durchgangsstraße zu den Albaufstiegen bei Gönningen und Talheim zu werten ist, und gehören siedlungsgenetisch bereits zum seit 1504 kirchlich und 1543 weltlich vereinigten Dorf.

Reutlingen, Weingärtnerstraße 22-26

Die drei benachbarten Grundstücke in der südöstlichen Reutlinger Altstadt sollen mit einem Mehrfamilienhaus neu bebaut werden. Die GWG Reutlingen als Bauherr hat im Vorfeld archäologische Untersuchungen des Areals in Auftrag gegeben, die in Zusammenarbeit mit Tilmann Marstaller von meinem Büro durchgeführt wurden. Auf eine eintägige baubegleitende Maßnahme im Bereich der alten Durchfahrt zwischen den Gebäuden Nr. 24 und 26 im April folgte eine vierwöchige Grabungskampagne, die am 25.6. abgeschlossen werden konnte. Vor Berichterstellung können nur ganz grobe Einschätzungen der Ergebnisse vorgetragen werden: Im Bereich der heutigen Weingärtnerstraße verlief in prähistorischer Zeit die Echaz und hinterließ dort Rohstoffvorkommen wie Kalksand, wohl aber auch Ton, in relevanten Mengen. Mittelalterliche Keramik setzt vor Ort im 12. Jahrhundert ein, im 13./14. Jahrhundert lassen sich einzelne Gruben und Pfostengruben nachweisen, die jedoch nicht zwingend zu Wohnbebauung gehören müssen: Eher scheinen Hinterhofbereiche vorzuliegen, in denen die genannten Rohstoffe abgebaut wurden, bis ins 15./16. Jahrhundert hinein ist die Topografie natürlich wie anthropogen bedingt sehr uneben, bis das Areal grundstücksübergreifend einplaniert und damit für die städtische Wohnbebauung erschlossen wurde. Nur ein einziges Schwellfundament im Bereich Weingärtnerstraße 24 dürfte vor diese Maßnahme zurückreichen.
Sehr detailliert lässt sich die Baugeschichte des 16.-20. Jahrhunderts auf den Grundstücken Nr. 22 und 24 nachvollziehen. Wegen des reichhaltigen Fundaufkommens ist die Erstellung einer brauchbaren Relativchronologie vor allem für das 16./17. Jahrhundert durchaus im Bereich des Möglichen. Mehrere Brände prägen die bauliche Entwicklung des Quartiers, wobei ein Brandereignis sich archäologisch klar als großer Stadt(teil)brand qualifizieren lässt. Spannend ist, dass sich die naheliegende Parallelisierung mit dem Stadtbrand von 1726, der auch an der Weingärtnerstraße wütete, nicht ohne Weiteres vornehmen lässt. Das in großer Zahl vorliegende keramische Fundmaterial scheint eher auf das 17. Jahrhundert zu verweisen - insbesondere feht malhornverzierte Keramik fast vollständig. Eine detaillierte Aufarbeitung der Dokumentation verspricht (nicht nur in dieser Sache) weiterführende Erkenntnisse.
Das frühneuzeitliche Fundmaterial fällt wegen des geringen Anteils von Ofenkeramik und Glas etwas "ärmlich" aus, was sich jedoch baulich nicht überall spiegelt (großer Keller Weingärtnerstraße 24, umfangreiche Verwendung undekorierter Bodenfliesen). Dies ändert sich im 19./20.Jahrhundert, als auch die Baulichkeiten einen zunehmend ärmlichen Eindruck hinterlassen: Die Weingärtnerstraße gehörte - ihrer randlichen Lage entsprechend - nicht zu den besten Adressen in der Stadt.

Rottweil, Friedrichsplatz 16

Im Zusammenhang mit der Renovierung des historischen Gebäudes Friedrichsplatz 16 wurde das östlich anschließende Gartengrundstück bis auf Straßenniveau abgegraben, um dort eine Anwohnertiefgarage mit fünf Plätzen zu errichten. Laut der 1564 erstellten Rottweiler Pürschgerichtskarte war das Gartengrundstück zu dieser Zeit noch bebaut. Da der Lorenzort bis zur Vertreibung der Juden nach der Pest 1349 das Rottweiler Judenviertel beherbergte, galt dieser Bebauung besonderes Interesse.
Die gut sechswöchige, gemeinsam mit Tilmann Marstaller und Andreas Willmy geleitete Grabung Juli-September 2018 erbrachte spannende Befunde, wenngleich ganz anders als erwartet. So lässt sich mit Sicherheit ausschließen, dass das auf der Pürschgerichtskarte abgebildete Gebäude jemals in der Realität existierte. Stattdessen stellt das bis zur Grabung überlieferte, erhöht über Lorenz- und Kaufhausgasse liegende Gartengrundstücks letztlich eine nur wenig überformte stadtgründungszeitliche Situation dar. Die älteste Umfassungsmauer und die inneren Planierungen datieren in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im Zuge dieser stadtgründungszeitlichen Parzellierungs- und Terrassierungsarbeiten wurde im Übrigen eine bislang unbekannte Vorgängerbesiedlung des 12. Jahrhunderts niedergelegt, zu der unter anderem ein gemauerter Brunnen gehörte, der stadtgründungszeitlich verfüllt wurde. Da die vorstädtischen Befunde und die auf deren Niederlegung zurückgehende Holkohlekonzentrationen nach Westen/oben dichter werden, erscheint denkbar, dass die schon die vorstädtische Bebauung auf die Durchgangsstraße "Friedrichsplatz" ausgerichtet war.

Tübingen, Archäologischer Stadtkataster

Das Gebiet der frühmittelalterlichen Siedlung Tübingen ist inzwischen mit guten Gründen im Areal der späteren Unterstadt zu verorten - eingegrenzt in etwa von nördlicher Stadtmauer, Salzstadelgasse, Langer Gasse und dem Beginn des steileren Anstiegs zum Schlossberg. Die im 6. Jh. gegründete Siedlung, die vermutlich nicht allein landwirtschaftlichen Hintergrund besaß, lag zu beiden Seiten der Ammer, die damals etwa auf der Linie Madergasse - Johanneskirche geflossen sein dürfte, mindestens 4,5 Meter unter dem heutigen Niveau. Die Siedlung, zu der inzwischen ein zweites Gräberfeld bekannt ist (eine "Hofgrablege" des 8. Jh. im Bereich Hirschgasse/Collgiumsgasse), könnte von Beginn an auch auf einen Neckarübergang ausgerichtet gewesen sein.
In der Zeit um die Jahrtausendwende ist am Schmiedtor eine etwa 30 Meter durchmessende Wall-Graben-Befestigung auf der Linie der späteren Stadtmauer zu fassen. Vermutlich ist diese weniger als Adelssitz denn als Zeichen für den Beginn einer frühstädtischen Befestigung des alten "dörftlichen" Siedlungsareals zu werten. Tatsächlich wird im 11. Jh. eine diese "Frühstadt" umfassende Wall-Graben-Anlage errichtet - möglicherweise im zeitlichen Kontext mit der Errichtung der Burg Hohentübingen (vor 1078). Noch im 11. Jh. beginnt die flächige städtische Aufsiedlung der Tübinger Altstadt in ihren heutigen Ausmaßen. Dabei scheint es so, als ob die neu erschlossene Siedlungsfläche (also insbesondere die Oberstadt und die östliche Altstadt) planmäßig angelegt wurde - durch möglichst gerade auf einen zentralen Platz (den heutigen Holzmarkt mit der wohl damals errichteten Stadtkirche St. Georg) zuführende Erschließungsachsen, von denen die Lange Gasse, die Neckargasse und die Achse Neckarhalde-Kronenstraße heute noch in ähnlicher Form Bestand haben.
Im 12. Jh. nimmt die Aufsiedlung enorm an Fahrt auf. Vor allem ist jedoch auf die mit Abstand wichtigste Infrastrukturmaßnahme hinzuweisen: Der Bau der Stadtmauer, verbunden mit erheblichen Eingriffen in das Ammersystem. Der Fluss wurde an den Schnarrenberg-Hang nördlich der Stadtmauer verlegt (floss evtl. ursprünglich durch den neu angelegten Stadtgraben), während die Stadt durch den 1149 errichteten, am Hang des Schlossbergs entlangführenden Ammerkanal mit Brauchwasser versorgt wurde. Das Großprojekt dürfte in den 1140ern begonnen worden sein und sicherlich erst in der 2. H. des 12. Jh. abgeschlossen. Verheerende Auswirkungen zeitigten die Eingriffe in der zentralen Unterstadt: Bis etwa 1250 mussten im Bereich der ehemaligen Ammer mindestens 4,5 Meter Sediment aufgeschüttet werden, um dem stetigen Anstieg des Grundwasserpegels zu begegenen! Noch heute zeugt die romanische Jakobuskirche (vermutlich die alte Dorfkirche!), deren Niveau etwa 2 m tiefer liegt als das der spätgotischen Umbauphase um 1500, von diesen Vorgängen.
Es ist bezeichnend für die wirtschaftliche Potenz der pfalzgräflichen Stadtherren, dass diese drei Generationen währende Katastrophe bewöltigt werden konnte, ohne dass sich etwas am Tübinger Wohlstadt änderte: Das Fundmaterial des 12./13. Jh. bezeugt vor allem durch den flächig vorhandenen Becherkachelhorizont einen außergewöhlichen Lebensstandard in dieser Zeit. Auch der Stadtbrand von 1280, der große Teile der Unterstadt sowie die östliche Altstadt verwüstete, konnte durch die Stadtherrschaft noch produktiv genutzt werden: Allenthalben sind neue Parzellierungen und sogar Neuanlagen von Durchgangsstraßen (Pfleghofstraße) zu beobachten, in der Schmiedtorstraße entstehen das Spital und ein öffentlicher Großbau unter dem späteren Fruchtkasten. Das nachstadtbrandzeitliche Fundmaterial jedoch zeugt von sich allmählich normalisierenden Verhältnissen: Das Tübingen des 14. Jh. präsentiert sich eher unauffällig, die städtische Entwicklung verlangsamt sich. Erst im Zuge der neuen Bedeutung, die Tübingen in der 2. Hälfte des 15. Jhs. gewinnt (Universitätsgründung 1477) lässt sich ein neuerlicher Schub verzeichnen.

Unter dem Titel "Alte Quellen neu gefasst - Die Entstehung der Stadt Tübingen aus archäologischer Perspektive" ist die historische Quintessenz (bis zum Stadtbrand 1280) der Arbeiten am Fundstellenkatalog im vierten Band der Reihe "Landeskundig" erschienen. Im August 2018 folgte der Archäologische Stadtkataster selbst, der am 19. September im Tübinger Rathaus übergeben wurde.

Vormerken: Am Di, 19. März, 20:15 halte ich den Vortrag "Alte Quellen neu gefasst" im Club Voltaire, Haaggasse 26 B für die Tübinger Ortsgruppe des Schwäbischen Heimatbunds.

www.historische-archaeologie.de wurde zuletzt aktualisiert am 3.2.2019