Startseite Aktuelles Downloads Veröffentlichungen Projekte Arge Uni Vita Links Impressum

Aktuelles

Denkendorf, Klosterhof 7

Von Ende November 2018 bis Mai 2019 dauerten die Rettungsgrabungem im südlich an die Klausur des Denkendorfer Klosters anschließenden Areals, wo aktuell ein Pflegeheim der Zieglerschen entsteht. Das Gelände ist durch einen mindestens bis ins Frühmittelalter aktiven Karstwasser-Quellhorizont mit Tuffbildung geprägt, das ursprünglich stark profilierte Areal zeigt Reste von Planierungsmaßnahmen des Hoch- und Spätmittelalters, daneben aber auch Bodeneingriffe dieser Zeitstellungen in erheblichem Umfang, die in Zusammenhang sowohl mit Rohmaterialgewinnung als auch mit Müllentsorgung stehen dürften. Die auffälligsten Befunde jedoch haben mit der Einfassung und Gestaltung des im Berg reichlich vorhandenen Karstquellwassers zu tun - so zum Beispiel eine ungefähr metertiefe und mehrere Meter breite Eingrabung parallel zur mittelalterlichen Klostermauer, welche diese auf ganzer Länge zu begleiten scheint, steilwandig ausgeführt ist und mit stetigem sanftem Gefälle nach Osten führt. Der versinterte Grabenboden zeugt wohl von hier langsam fließendem kalkhaltigem Wasser. Die Verfüllung des Grabens bringt neben großen Mengen von Tierknochen (unter denen ein beträchtlicher Anteil an Karnivorengebissen auffällig ist) Keramik zwischen Merowingerzeit und vermutlich der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts, daneben viele verbrannte Sandsteine, Holzkohle und Reste von wohl vor Ort abgebauten, materiell eher minderwertigen Tuffsteinen, die ausweislich der Bearbeitungsspuren gleichwohl zu Bauzwecken verwendet wurden. Es ist gut möglich, dass die Verfüllung des Grabens direktem Zusammenhang mit der Gründung des Denkendorfer Klosters kurz vor 1130 steht.
Besonders bemerkenswert an diesem offenbar vorklösterlichen Graben ist der Bezug auf einen frühen Massivbau, der mit seinem Nordannex den Graben zur Hälfte sperrt. Der Bau wurde offensichtlich zeitgleich mit dem Graben errichtet, gleichwohl behielt er auch klosterzeitlich noch seine Funktion: Es können mindestens zwei Phasen von gegen das Gebäude gesetzten massiven Stützmauern nachgewiesen werden, die die hier einsetzende natürliche Hangkante künstlich übersteilten und das weiterhin am frühen Massivbau entlangfließende Wasser durch eine Öffnung austreten ließen. Für die letzte Phase des frühen Massivbaus, der im Spätmittelalter (14. Jh.?) einem Brand zum Opfer fiel, ist der überwölbte Wasseraustritt erhalten. Das Wasser sickerte durch eine mit grobem Steinschutt verfüllte trichterförmige Grube in das tiefer liegende Gewölbe, das selbst mit Steinschutt gefüllt war, der über die Jahre kunstvoll versinterte. Einige Meter weiter unten trat das Wasser in die zu dieser Zeit noch weiter nach Süden reichenden Klostergebäude ein. Der südliche schmale Turm des Ostflügels - noch zu sehen auf der Ansicht von Kieser 1683/85) - markiert den Austritt des Quellwassers nach Osten. Die Ansprache dieses mit "Wasserinszenierung" verbundenen, in die Vorklosterzeit zurückreichenden Ensembles wird eine Hauptfrage der hoffentlich zu realisierenden archäologischen Auswertung sein. So verweist die Verfüllung des vorklösterlichen Grabens deutlich auf eine Siedlung von Relevanz: Hier fanden sich u. a. zwei Beinbeschläge, die zu einem hochmittelalterlichen Reliquienkästchen gehört haben könnte, darüber hinaus gibt es Hinweise auf frühe Ofenkeramik (Topfkacheln der älteren gelben Drehscheibenware).
Die stark verbrannten Sandsteine aus dem Graben müssen indes nicht zwingend zu vorklösterlichen Massivbauten gehören (zumal in keinem Fall Mörtelspuren beobachtet werden konnten): Östlich der Grabungsfläche konnten beim Abräumen einer für das Kranfundament vorgesehenen Fläche Reste mehrerer Ofenstrukturen aufgedeckt werden. Der mit Abstand besterhaltene Befund eines stehenden Ofens mit zwei gewölbten Ofentoren, einer als "falsches Gewölbe" aus dem lokal anstehenden Sandstein ausgeführten Ofenkuppel und über 1 m hoher Befunderhaltung datiert bereits in die frühe Klosterzeit (12./13. Jh.). Aufgrund der fehlenden Lochtenne, weißlichen Ablagerungen in der Brennkammer sowie der charakteristischen Eintiefung des Ofens in den hier nach Westen ansteigenden Hang liegt eine Ansprache als Kalkofen nahe. Benachbarte Ofenstrukturen, die offenbar noch in das vorklosterzeitliche Hochmittelalter gehören, lassen sich im Moment noch nicht sicher funktional einordnen.
Im frühen 18. Jahrhundert erfuhr das Kloster durch den Bau der zweiten Denkendorfer Klosterschule (1713-1810) eine beträchtliche Erweiterung, die westlich an das Südende des (längeren) mittelalterlichen Ostflügels anschloss. Insbesondere der Baukörper, in dem sich die Wohnung des Klosterpräzeptors Johann Albrecht Bengel (1713-1741) befand, konnte im Detail archäologisch erschlossen werden. Die Baustrukturen dieser Ausbauphase sind trotz mannigfaltiger moderner Störungen noch gut erhalten, sie hatten bis in die Nachkriegszeit Bestand, als sie undokumentiert abgerissen wurden. Bereits im 19. Jahrhundert fand der südliche Ostflügel sein Ende, statt seiner wurden frühe Industriebauten errichtet: ab 1838 verlegte die Senf- und Likörfabrik Kauffmann ihren Sitz von Esslingen nach Denkendorf. Auch deren Hinterlassenschaften lassen sich im archäologischen Befund noch eindrucksvoll belegen.

Gammertingen, Hohenzollernstraße 5-7

Im April konnte nach zweidreiviertel Jahren die Auswertung der von mir im Auftrag des damaligen Referats Denkmalpflege am RP Tübingen durchgeführten Ausgrabungen, die 2012 und 2013 auf dem Gammertinger Schlossplatz stattfanden, tatsächlich erfolgreich abgeschlossen werden.
Es lassen sich eine Reihe von Besiedlungsphasen rekonstruieren, die zum Teil durch erhebliche Brüche voneinander unterschieden sind. Auch am Schlossplatz beginnt die Besiedlung in vorgeschichtlicher Zeit, römische Funde sind an dieser Stelle nicht nachzuweisen. Die Besiedlung bezieht sich dabei von Anfang an auf eine ehemalige "Lauchertinsel", welche den Norden und Nordosten des mittelalterlichen Stadtgebietes (ohne Schwedengasse) einnimmt und sich darüber hinaus weiter nach Südosten fortgesetzt haben kann. Sie wird begrenzt vom heutigen Flussbett und einem weiter südwestlich verlaufenden Altarm, der seit der Bronzezeit allmählich verlandete. Der mittelalterliche Fundniederschlag beginnt um die Jahrtausendwende, wobei es sich aber um Streufunde von nördlich bzw. nordwestlich liegenden Siedlungsbereichen handeln dürfte. Spannend ist der Befund eines - nur in zwei Profilen erfassten - flachen Gräbchens mit einem (von mehreren?) damit korrespondierenden Pfahlloch am Südrand. Mit einiger Wahrscheinlichkeit erfassen wir hier die Befestigung der Niederungsburg der Grafen von Gammertingen, welche ab ca. der Jahrtausendwende bis an den heutigen Schlossplatz herangereicht zu haben scheint.
Nach einem Großbrand in der Niederungsburg in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (um 1165/70?, möglicher Zusammenhang mit der "Tübinger Fehde"?) - vermutlich eben jenem Brand, dem auch die "Basilika" der Grafen von Gammertingen (St. Michael) zum Opfer fiel - , scheinen wir die Entfestigung der Niederungsburg und das allmähliche Ausgreifen frühstädtischer Besiedlung nach Südwesten greifen zu können. Die städtische Besiedlung beginnt um 1270/80 mit einem im Südwesten der Grabungsfläche nur randlich erfassten stark fundamentierten, von mir als Rathaus gedeuteten Massivbau an der hier zum Marktplatz geweiteten Hauptstraße. Stadtauswärts Richtung Lauchert stand damals noch ein Pfostenbau - vermutlich als stadtgründungszeitliches Provisorium (Gasthof?) anzusprechen. Es ergeben sich hochspannende historische Modelle für die Gründungssituation - mehr soll hier aber nicht verraten werden.
Der provisorische "Gasthof" wurde erst im 14. Jahrhundert (gegen 1320/30) durch einen langschmalen dreizonigen Anbau an den älteren Massivbau ersetzt. Der Anbau wies im Erdgeschoss der im Lichten 9 Meter breiten Mittelzone offenbar einen Durchgang zu einem weiteren Straßenzug im Südosten auf. Die nordöstliche Zone des Anbaus stellte als Turm mit drei Massivbaugechossen einen eigenen Baukörper dar, der einerseits (als Teil einer ältesten Stadtbefestigung?) den Stadtabschluss zur Lauchert markierte, andererseits baulich und funktional mit dem "Rathaus" verbunden war. Der Turm wies im Erdgeschoss eine Küche und eine beheizte Kammer (Amtsraum?) auf, darüber nahm ein Saal mit repräsentativem Kachelofen und offenem Kamin wohl die ganze Turmfläche ein. Der nur temporär genutzte Raum könnte als großer Ratssaal und/oder als bürgerlicher Festsaal genutzt worden sein. Im zweiten Obergeschoss wird man wohl Wohnnutzung rekonstruieren können, wobei sich evtl. ein Zusammenhang mit dem "Amtsraum" im EG darstellen lässt.
Vor dem dreizonigen Rathaus-Anbau stand zur gleichen Zeit ein weiteres Gebäude, vermutlich ein Fachwerkbau auf massiven Steinschwellen. Dieser Bau, bei dem es sich um den Nachfolger des provisorischen Gasthofs gehandelt haben könnte, dürfte den damaligen Marktplatz auf dessen Nordostseite begrenzt haben. Alle ergrabenen Bauten dieser Phase brannten um das Jahr 1410 herum ab. Der Brand führte zu einer vollständigen Neuordnung des Stadtviertels am Unteren Tor und ist von seiner Größenordnung her als Stadtbrand einzuordnen. Zugehöriger Brandschutt ist noch im nordwestlichen Teil der Schwedengasse nachzuweisen, die erst durch damalige Aufschüttung ins Stadtgebiet mit einbezogen wurde. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Brand, der im Marktprivileg von 1418 erwähnt wurde, wo es heißt, dass er "vor Jahren" Stadt und Bürger Gammertingens schwer geschädigt hatte, und der vom König als Grund für die Erweiterung der bisherigen Marktrechte angeführt wurde. Nach dem Brand wurde am Nordostende des alten Marktplatzes erneut ein repräsentativer gegliederter Großbau errichtet - nun allerdings in gänzlich anderer Lage und Orientierung. Das Gebäude war, wie es scheint, nun auf einen neuen Platz bezogen, der sich zwischen ihm und dem unteren Tor aufspannte. Auch wenn die platzzeitlichen Schichten fehlen, lässt sich deren ehemaliges Vorhandensein durch Funde des 15./16. Jahrhunderts aufzeigen, die in späteren Bodeneingriffen aufgearbeitet wurden. Man wird diesen Bau als erstes Stadtschloss am Unteren Tor begreifen können: Offenbar nutzte die neue Rechberger Stadtherrschaft die nachstadtbrandzeitliche Erweiterung der Stadt Richtung Lauchert für die Neuanlage des herrschaftlichen Wohnbezirks - obwohl das alte "Schloss" bei St. Michael vermutlich vom Stadtbrand verschont worden war. Insgesamt wurde die Stadtfläche jedoch verkleinert: Im Zusammenhang mit einem Nordwestversatz der Hauptstraße wurde im Südosten der Stadt mindestens ein Straßenzug aufgegeben. Das stadtgründungszeitliche Rathaus wurde am bis heute überlierferten Platz des "Alten Rathauses" neu aufgebaut und beherrschte dort den sich nach Südwesten öffnenden neuen Marktplatz, der durch das schräggestellte Schloss die Form eines Dreiecksmarkts erhielt.
Im späteren 16. Jahrhunderts kommt es erneut zur völligen Neukonzeption des Viertels, da das durch die Speth errichtete neue Stadtschloss mitten auf den alten Schlossplatz gesetzt wurde - traufständig zur nordwestlich vorbeiführenden Hauptstraße und verbunden mit einer deutlichen Verkleinerung des Schlossbezirks gegenüber der Rechberger Zeit. Um/kurz nach 1600 kommen unter Philipp Dietrich Speth weitere Bauten hinzu, der "Neue Bau" und die (neue) Schlosskapelle. Der neue Schlossbezirk war von einer Umfassungsmauer umgeben, die bogenförmig noch die "Querstellung" des spätmittelalterlichen Vorgängerbaus spiegelt. Noch heute reflektiert die bogenförmige Straßenführung der Hohenzollernstraße beim Schloss noch ein Stück weit die damaligen Verhältnisse. Unmittelbar nach Bauerrichtung wurde an das Spethsche Stadtschloss ein parallel zum Schloss augerichtetes Wirtschaftsgebäude mit zwei großen Gewölbekellern angebaut, das sich rückwärtig auf die Stadtmauer stützte und das Schloss nur auf wenigen Metern berührte. Das Wirtschaftsgebäude dürfte nach dem schriftlich überlieferten Einsturz eines Stücks der Stadtmauer im Jahre 1667 umgebaut worden sein, wobei die Vorderfront zum Hof hin wohl erhalten bleiben konnte.
Im Jahre 1739 - die im heutigen Rathaus integrierten Reste des Baus konnten inzwischen dendrochronologisch datiert werden - wurde der älteren Gammertingern als "Fruchtkasten" bekannte südöstliche Schlossflügel errichtet, vermutlich auf Basis eines vergrößerten und um ein Stockwerk erhöhten Neubaus des alten Wirtschaftsgebäudes bereits in den 1720ern. Beide Gewölbekeller, vermutlich auch noch die alte nordöstliche Giebelwand, waren darin integriert. Einer der Keller wurde nun durch eine Wendeltreppe direkt mit den Obergeschossen des alten Schlosses verbunden. In der Nordostzone des Erdgeschosses wurde die eingewölbte Schlossküche errichtet, welche in Resten im ehemaligen Bürgerbüro im Rathaus bis heute baulich überliefert ist.
Im Kontext mit dem Bau des neuen Schlossflügels, der von Beginn an multifunktional war und wirtschafliche Nutzung (Fruchtkasten, wohl auch Reitstall) und repräsentative Wohnnutzung vereinigte, wurde die Stadtmauer im Schlossbereich nieder- und die herrschaftlichen Gärten außerhalb der Stadtmauer neu angelegt. Auf der Hälfte seiner Nordwestfassade war der neue Flügel mit dem Schloss des späten 16. Jahrhunderts zusammengebaut. Man erkennt unschwer, dass bereits damals der Plan zum Abriss des alten Schlosses und zum Bau eines neuen Nordostflügels an der Lauchert bestand. Es kam nicht zur Realisierung, da Bauherr Marquard Rudolf Anton Speth bereits 1741 in jungen Jahren verstarb. Der Plan wurde daher erst eine Generation später und in veränderter Form 1775-1777 durch den Architekten Michel d'Ixnard in die Tat umgesetzt.
Auch zum klassizistischen Stadtschloss gibt es neue Ergebnisse: der 1791 von d'Ixnard publizierte Plan eines "doppelten" Gammertinger Schlosses beidseits eines ebenfalls erneuerten unteren Tors blieb bis in die Zeit der Koalitionskriege hinein der tatsächlich verfolgte Bauplan! Das bestehende Speth'sche Schloss ist effektiv nur ein halbes Schloss, ein reines herrschaftliches Wohnhaus, welchem unter anderem ein repräsentativer Schlosssaal und auch eine Schlosskapelle fehlten! Der neben dem Durchgang durch den Schlossflügel/Fruchtkasten gelegene hohe eingewölbte Raum, der in Gammertingen traditionell als alte Schlosskapelle angesprochen wurde, ist erst bei einem Umbau der frühen hohenzollerischen Zeit zwischen 1827 und 1838 entstanden - zu genau der Zeit, als der ehemalige Schlossflügel seine charakteristische Sieben-Arkaden-Fassade erhielt. Durch die enge Eingrenzung der Datierung ist möglicherweise auch der Architekt zu benennen: Rudolf Burnitz, ein enorm vielseitiger Architekt an der Schwelle zwischen Klassizismus und Historismus, der zwischen 1816 und 1840 eine Reihe repräsentativer Bauten für drei hohenzollerische Fürsten errichtete, vor allem aber durch sein Wirken in Frankfurt dauerhaften Ruhm errang.
1862 ging der ehemalige Schlosskomplex in städtische Hand über, im alten Fruchtkasten wurde die Volksschule eingerichtet. Der schriftlich überlieferte Umbau (der im anschließenden Schloss, wo das Rathaus eingerichtet wurde, sehr umfangreich war), beschränkte sich im Fruchtkasten im wesentlichen auf die Einrichtung von vier Schulsälen im Obergeschoss. Von Bedeutung war schließlich eine weitere Umbauphase 1894/95, als der Fruchtkasten einen Mittelrisalit zum hinteren Schlosshof und ein neu konzipiertes Treppenhaus erhielt. Eine letzte Umbauphase datiert in die frühen 1950er Jahre, als die Schule - kurz bevor sie zugusten ihres neuen Standorts aufgegeben wurde, noch einmal gründlich renoviert und sogar um eine Turnhalle erweitert wurde. Die Ausgrabung ist über ihre Relevanz für die Stadt- und Herrschaftsgeschichte Gammertingens hinaus insofern auch von übergeordneter Bedeutung, als dass sich jetzt schon deutlich zeigt, dass Gammertingen als Paradebeispiel gegen die Zulässigkeit der Rückschreibung der ersten Planaufnahmen bis ins Mittelalter angeführt werden kann. Die heute ersichtliche Gliederung der kleinen Altstadt ist in bedeutsamen Teilen erst im 15./16. Jahrhundert entstanden - und im 18. Jahrhundert in zwei unterschiedlichen Schritten relevant überformt worden. Allein am Schlossplatz liegen zwischen der Stadtgründung und der Urkarte des 19. Jahrhunderts zwei vollständige Neukonzeptionen des umgebenden Stadtviertels.

Nehren, Neue Beobachtungen zur Siedlungsgeschichte

Nachdem 2016 im Zusammenhang mit der Kirchenrenovierung erstmals baubegleitende Untersuchungen an der Nehrener Veitskirche erfolgt waren, konnten im März/April 2018 nun auch baubegleitende Untersuchungen auf dem westlichen Kirchenvorplatz durchgeführt werden. Diese erfolgten im Auftrag der Gemeinde Nehren, welche Eigentümerin des zur Hauchlinger Straße gelegenen westlichen Kirchvorplatzes ist. Die Befunde auf der überschaubar großen Untersuchungsfläche erwiesen sich als für die Nehrener/Hauchlinger Kirchen- und Siedlungsgeschichte in besonderem Maße relevant. Hauptbefund ist eine sanft zur Straße abfallende sorgfältig gepflasterte Fläche, auf der sich ein ca. 1 m breiter Fußweg abgrenzen lässt, welcher die gepflasterte Fläche zugleich entwässerte. Der Fußweg scheint auf das seit der Kirchenerweiterung von 1587 am heutigen Ort befindliche Hauptportal der Kirche zu zielen. Interessanterweise biegt der Weg am westlichen Ende des Kirchvorplatzes nach Süden ab. Er lässt sich von daher wohl auch als materielle Manifestation der Einpfarrung Nehrens nach Hauchlingen begreifen sowie als Zeichen dafür, dass das wesentlich bevölkerungsstärkere Nehren im vereinigten Ort auch auf der geistlichen Ebene die Ausrichtung vorgab.
Das Pflaster ist durch Reste einer darüberliegenden Brandschuttschicht in zweifacher Weise datierbar. Die Flachziegel, gebrannten Lehm, Holzkohle, Geschirr-, Ofen- und Sonderkeramik führende Schicht verweist wohl auf eine Ablagerung im 18. Jahrhundert, gleichwohl gehört das Gros der Funde in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, also in die Zeit der Kircherweiterung. Vermutlich lässt sich dieser Befund durch die erneute Ausplanierung von Sediment erklären, mit dem vor 1587 das stark nach Norden/Hauchlingen abfallende Gelände zum heutigen plateauartigen "Kirchhügel" aufplaniert wurde.
Fast noch spannender als die Umstände der Pflastererrichtung sind jedoch diejenigen seiner Aufgabe wohl im 18. Jahrhundert. Sie erfolgte unmittelbar nach dem Brand eines in Fachwerkbauweise errichteten Nachbargebäudes. Nach dem Ausschlussverfahren - die älteren Nachbargebäude bestehen entweder noch oder bestanden nachweislich weiter (das 1700 erbaute Nehrener Schulhaus) - ist der Brand auf dem heute der Gemeinde gehörenden Flurstück 4/1 selbst zu verorten. Dort bestand bis in die 1960er ein wohl ins 18. Jahrhundert zurückgehender Streckhof, der sich auf den heutigen Kirchzugang bezieht und wohl wie dieser ein Zeugnis der Neuordnung nach dem Brand war. Für den im 18. Jahrhundert abgegangenen Hof kommt letztlich vor allem ein Standort infrage: südwestlich der alten Schule im Bereich der Kurve, welche die Hauchlinger Straße heute um den "Kirchhügel" nimmt. Trifft diese Annahme, so müsste man bis ins 18. Jahrhundert noch gänzlich unterschiedliche Siedlungs-, vor allem aber Verkehrsverhältnisse rund um die Hauchlinger/Nehrener Kirche annehmen. Bis zu dieser Zeit wäre die in Verlängerung der Nehrener Hauptstraße verlaufende heutige Hauchlinger Straße gerade aus über das "Alte Gässle" Richtung Dußlingen/Tübingen verlaufen. Sie hätte im Bereich der heutigen Kurve ein wesentlich höheres Niveau und wäre vom frühneuzeitlichen gepflasterten Kirchvorplatz ohne Treppe erreichbar gewesen. Die Hauchlinger Häusergruppe "im Bund" wäre von dieser Hauptstraße nur mit einem sehr abschüssigen Pfad, vielleicht auch einer Treppe verbunden gewesen - eine Verbindung, die für landwirtschaftliche Gespanne möglicherweise nicht oder nicht dauerhaft befahrbar war. Tatsächlich datiert das älteste Haus am nach Nordnordost führenden unteren Ast der Hauchlinger Straße erst auf 1771 - für Hauchlinger Verhältnisse ein junges Datum.
Es spricht einiges dafür, dass das heutige Nehrener Hauptstraßensystem nur auf das 18. Jahrhundert zurückgeht - und dass sich der alte Kirchweiler Hauchlingen siedlungsgenetisch auf die Kirche und die Häusergruppe "Im Bund" reduzieren lässt. Die anderen Hauchlinger Häusergruppen wie etwa die "Oper" sind letztlich als Hofgründungen an der durch Nehren führenden Straße zu sehen, die wohl bis zum Ausbau der Schweizer Straße (B 27) als Chausee in den 1750ern noch als Durchgangsstraße zu den Albaufstiegen bei Gönningen und Talheim zu werten ist, und gehören siedlungsgenetisch bereits zum seit 1504 kirchlich und 1543 weltlich vereinigten Dorf.
Die auf Lesefunde gestützte Vermutung, dass das alte Hauchlingen ursprünglich wohl dem Wiesbachübergang bei der Musikantenscheuer zugeordnet war, konnte im Zuge einer ebenfalls durch die Gemeinde beauftragten baubegleitenden Untersuchung am Regenüberlaufbecken in der Talstraße im April 2019 erhärtet werden. In hoher Befunddichte traten hier früh- und hochmittelalterliche Siedlungsbefunde zu Tage: Pfostengruben, Gruben, Grubenhäuser, Öfen und eine Schmiedeesse. Eine einzige rechteckige Grube mit ca. 165 x 85 cm Ausdehnung enthielt vorgeschichtliche Keramik, die nur unscharf zwischen Spätneolithikum und Hallstattzeit eingeordnet werden kann. Ein sehr spannendes Ergebnis, weil damit möglicherweise ein erster Hinweis auf Siedlungstätigkeit vorliegt, die zeitlich mit dem bekannten bronze- und eisenzeitlichen Gräberfeld Heunisch/Lochert/Neuwiese in Verbindung gebracht werden kann.
Die älteste mittelalterliche Keramik stellt die rauwandige Drehscheibenware des 6.-8. Jahrhunderts dar sowie, damit vergesellschaftet, handgemachte rauwandige Waren; der Platz war spätestens in der jüngeren Merowingerzeit besiedelt. Im zum Bach hin gelegenen nördlichen Untersuchungsteil enden die Befunde im Hochmittelalter, wohl noch im 11. Jahrhundert, im nördlichen Teil finden sich auch spätere Befunde, die vereinzelt bis ins 13./14. Jahrhundert reichen. Die Siedlungsphasen weisen offenbar unterschiedliche Ausrichtungen auf. Die jüngere Siedlungsphase ist auf die Verbindung nach Nehren ausgerichtet (Talstraße - untere Hauchlinger Straße), die ältere West-Ost mit Tendenz WSW-ONO. Diese Ausrichtung wird man mit der noch im 19. Jahrhundert genutzten alten Straße Hauchlingen-Gomaringen in Verbindung bringen können, welche nach dem Übertritt über den Wiesbach zur damaligen Zeit vermutlich am Südosthang des Steinlachtals Richtung Ofterdingen weiterlief. Mit einiger Wahrscheinlichkeit fassen wir hier eine ursprüngliche Funktion Hauchlingens im Fernverkehr, die mit der Gründung der Konkurrenzsiedlung Nehren als Ofterdinger Ausbausiedlung wohl noch im Frühmittelalter wieder obsolet geworden war.
In Verbindung mit den bekannten Lesefunden wird man das endgültige Wüstfallen der Siedlung am Wiesbach ins 12. Jahrhundert datieren, das zum Weiler schrumpfende Hauchlingen hatte sich zu dieser Zeit bereits auf den Weg Richtung Nehrener Hauptstraße gemacht. Für die Siedlungsgeschichte von Nehren/Hauchlingen rückt damit die Frage nach dem Ursprung der dort gelegenen, erstmals 1275 erwähnten Kirche ins Zentrum: Fassen wir mit der Veitskirche, die in diesem Fall eine beachtliche Ausdehnung des frühmittelalterlichen Hauchlingens belegen würde, den frühmittelalterlichen Ursprung der Pfarrei Hauchlingen, der als solcher sicherlich auch Einfluss auf die Nehrener Siedlungsentwicklung genommen hätte? Oder fassen wir eine erst spät (durch das Kloster Alpirsbach im 12./13. Jh.?) gegründete Wallfahrtskirche, die die Pfarrrechte sekundär an sich zog und sich selbst bereits an den durch die bedeutender gewordene Nachbarsiedlung Nehren vorgegebenen Siedlungsstrukturen orientiert?
Ergebnisse zur frühen Nehrener Siedlungs- und Verkehrsgeschichte erbrachte eine durch das Landesamt für Denkmalpflege beauftragte baubegleitende Untersuchung mehrerer Hausanschlüsse in der unteren Luppachstraße. Während die Aufschlüsse im Bereich der heutigen Post vor allem Informationen zur neuzeitlichen Geschichte des Luppachs erbrachten, lässt sich in zwei Profilen in der Auffahrt zur "Hofstatt" (zwischen Luppachstr. 14 und 20) wohl der ältere Verlauf der Luppachstraße nachweisen. Diese verlief oberhalb der feuchten Senke und lässt sich bei genauem Hinsehen noch im heutigen Ortsbild verfolgen: entlang dem zurückgesetzten traufständigen Wohnhaus Luppachstr. 6 (und diesem auf Kosten der Sparkasse abgebrochenen Nachbargebäude zur Wette hin) über die Einfahrt zur Hofstatt bis in die noch als solche erhaltene Straße "im Stiegel". Anders als die heute Richtung Mössingen abbiegende Luppachstraße wird man die "Urluppachstraße" noch als Ortsverbindung nach Ofterdingen begreifen können, von wo aus Nehren im Frühmittelalter gegründet worden sein dürfte. Datieren lässt sich die erst in der Neuzeit aufgegebene Straße nicht näher - noch nicht: Aus einer durch die Straße geschnittenen Grube konnte eine Holzkohleprobe geborgen werden, deren Radiokarbondatierung wichtige Aufschlüsse zur frühen Nehrener Siedlungsgeschichte erbringen könnte.

Reutlingen, Weingärtnerstraße 22-26

Die drei benachbarten Grundstücke in der südöstlichen Reutlinger Altstadt sollen mit einem Mehrfamilienhaus neu bebaut werden. Die GWG Reutlingen als Bauherr hat im Vorfeld archäologische Untersuchungen des Areals in Auftrag gegeben, die in Zusammenarbeit mit Tilmann Marstaller von meinem Büro durchgeführt wurden. Auf eine eintägige baubegleitende Maßnahme im Bereich der alten Durchfahrt zwischen den Gebäuden Nr. 24 und 26 im April folgte eine vierwöchige Grabungskampagne, die am 25.6. abgeschlossen werden konnte. Vor Berichterstellung können nur ganz grobe Einschätzungen der Ergebnisse vorgetragen werden: Im Bereich der heutigen Weingärtnerstraße verlief in prähistorischer Zeit die Echaz und hinterließ dort Rohstoffvorkommen wie Kalksand, wohl aber auch Ton, in relevanten Mengen. Mittelalterliche Keramik setzt vor Ort im 12. Jahrhundert ein, im 13./14. Jahrhundert lassen sich einzelne Gruben und Pfostengruben nachweisen, die jedoch nicht zwingend zu Wohnbebauung gehören müssen: Eher scheinen Hinterhofbereiche vorzuliegen, in denen die genannten Rohstoffe abgebaut wurden, bis ins 15./16. Jahrhundert hinein ist die Topografie natürlich wie anthropogen bedingt sehr uneben, bis das Areal grundstücksübergreifend einplaniert und damit für die städtische Wohnbebauung erschlossen wurde. Nur ein einziges Schwellfundament im Bereich Weingärtnerstraße 24 dürfte vor diese Maßnahme zurückreichen.
Sehr detailliert lässt sich die Baugeschichte des 16.-20. Jahrhunderts auf den Grundstücken Nr. 22 und 24 nachvollziehen. Wegen des reichhaltigen Fundaufkommens ist die Erstellung einer brauchbaren Relativchronologie vor allem für das 16./17. Jahrhundert durchaus im Bereich des Möglichen. Mehrere Brände prägen die bauliche Entwicklung des Quartiers, wobei ein Brandereignis sich archäologisch klar als großer Stadt(teil)brand qualifizieren lässt. Spannend ist, dass sich die naheliegende Parallelisierung mit dem Stadtbrand von 1726, der auch an der Weingärtnerstraße wütete, nicht ohne Weiteres vornehmen lässt. Das in großer Zahl vorliegende keramische Fundmaterial scheint eher auf das 17. Jahrhundert zu verweisen - insbesondere feht malhornverzierte Keramik fast vollständig. Eine detaillierte Aufarbeitung der Dokumentation verspricht (nicht nur in dieser Sache) weiterführende Erkenntnisse.
Das frühneuzeitliche Fundmaterial fällt wegen des geringen Anteils von Ofenkeramik und Glas etwas "ärmlich" aus, was sich jedoch baulich nicht überall spiegelt (großer Keller Weingärtnerstraße 24, umfangreiche Verwendung undekorierter Bodenfliesen). Dies ändert sich im 19./20.Jahrhundert, als auch die Baulichkeiten einen zunehmend ärmlichen Eindruck hinterlassen: Die Weingärtnerstraße gehörte - ihrer randlichen Lage entsprechend - nicht zu den besten Adressen in der Stadt.

Rottweil, Friedrichsplatz 16

Im Zusammenhang mit der Renovierung des historischen Gebäudes Friedrichsplatz 16 wurde das östlich anschließende Gartengrundstück bis auf Straßenniveau abgegraben, um dort eine Anwohnertiefgarage mit fünf Plätzen zu errichten. Laut der 1564 erstellten Rottweiler Pürschgerichtskarte war das Gartengrundstück zu dieser Zeit noch bebaut. Da der Lorenzort bis zur Vertreibung der Juden nach der Pest 1349 das Rottweiler Judenviertel beherbergte, galt dieser Bebauung besonderes Interesse.
Die gut sechswöchige, gemeinsam mit Tilmann Marstaller und Andreas Willmy geleitete Grabung Juli-September 2018 erbrachte spannende Befunde, wenngleich ganz anders als erwartet. So lässt sich mit Sicherheit ausschließen, dass das auf der Pürschgerichtskarte abgebildete Gebäude jemals in der Realität existierte. Stattdessen stellt das bis zur Grabung überlieferte, erhöht über Lorenz- und Kaufhausgasse liegende Gartengrundstücks letztlich eine nur wenig überformte stadtgründungszeitliche Situation dar. Die älteste Umfassungsmauer und die inneren Planierungen datieren in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im Zuge dieser stadtgründungszeitlichen Parzellierungs- und Terrassierungsarbeiten wurde im Übrigen eine bislang unbekannte Vorgängerbesiedlung des 12. Jahrhunderts niedergelegt, zu der unter anderem ein gemauerter Brunnen gehörte, der stadtgründungszeitlich verfüllt wurde. Da die vorstädtischen Befunde und die auf deren Niederlegung zurückgehende Holkohlekonzentrationen nach Westen/oben dichter werden, erscheint denkbar, dass die schon die vorstädtische Bebauung auf die Durchgangsstraße "Friedrichsplatz" ausgerichtet war.
Letzte baubegleitende Untersuchungen erfolgten im Juli 2019 in Zusammenhang mit der Unterfangung des renovierten Wohngebäudes. Sie erbrachten interessante Details zur Baugeschichte. So ist der Vorsprung, den die Ostseite des Gebäudes in seiner Nordhälfte zeigt, lediglich eine junge Ausbesserung aus statischen Gründen und datiert wohl ins 19. Jahrhundert. Sie ersetzt ältere Anbauten an das Haus an dieser Stelle. Das Haus selbst hat einen um etwa einen halben Meter nach Westen zurückgesetzten Vorgängerbau, dessen lehmgebundenes Bruchsteinfundament formal der stadtgründungszeitlichen Umfassungsmauer um das Gartengrundstück entspricht und vermutlich in dieselbe Zeit zu datieren ist. Große Fundmengen vor allem des 16./17. Jahrhunderts erbrachte eine gemauerte Latrine, die unterhalb der backsteineingefassten neuzeitlichen Sickergrube zum Vorschein kam. Sie wurde wohl noch im ausgehenden Spätmittelalter errichtet, erhaltene konstruktive Hölzer sind geborgen worden und dürften eine dendrochronologische Datierung ermöglichen.

www.historische-archaeologie.de wurde zuletzt aktualisiert am 3.8.2019